Position : Der Medaillenspiegel – ein Tanz ums goldene Kalb

Kaum brennt das olympische Feuer, glüht wieder die Begeisterung für den Medaillenspiegel. Gerne wird dabei vergessen, dass dies gesellschaftspolitisch fragwürdig und historisch sogar bedenklich ist.

Robert Prohl,Eike Emrich

Kaum brennt das olympische Feuer, glüht wieder die Begeisterung für den Medaillenspiegel. Beliebt wie die Tabelle der Fußball-Bundesliga, soll er in den nächsten zweieinhalb Wochen Auskunft geben, wie erfolgreich die Deutschen sich im Weltmaßstab schlagen. Politiker, Sportfunktionäre und Journalisten ringen dann um Deutungshoheit. Je nach Gewichtung der Gold-, Silber- und Bronzemedaillen und der Platzierungen bis Platz acht oder gar zehn sind dabei viele Interpretationen möglich. Gerne wird dabei vergessen, dass der Medaillenspiegel gesellschaftspolitisch fragwürdig und historisch sogar bedenklich ist.

Zum ersten Mal spielte er bei den Olympischen Spielen 1936 eine besondere Rolle, als die Nazis mit ihm die Überlegenheit der arischen Rasse beweisen wollten. Im Kalten Krieg versuchten dann Staaten auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs, ihren ideologischen Vorsprung durch Goldmedaillen zu belegen. Die Staatsführung der DDR bediente sich des Sports, um den Minderwertigkeitskomplex des „kleinen Bruders“ zu überwinden und internationale Anerkennung zu erringen. Auch in der Gegenwart sind es nicht zuletzt Staaten mit prekärem Verständnis von Menschenrechten, die mit Medaillen auf sich aufmerksam machen wollen – wie China. Denn noch heute gilt: Je geringer das Selbstbewusstsein eines Landes, desto eher ist es geneigt, einen vorderen Platz im Medaillenspiegel als Monstranz vor sich herzutragen.

Warum sollte eine Zivilgesellschaft wie die Bundesrepublik, die in der Welt anerkannt und in sich gefestigt ist, bei diesem Tanz ums goldene Kalb mitspielen?

Bei Olympischen Spielen treten keine Nationen gegeneinander an, sondern Athleten. Der Rückschluss vom individuellen Erfolg auf nationale Tugenden wird immer noch behauptet, obwohl sich herumgesprochen haben sollte, dass er einfach falsch ist, zumal das Geburtsland nicht weniger Athleten gar nicht identisch ist mit dem Land, für das sie starten.

Obwohl im Sport mit vielen Medaillen ungeheuer erfolgreich, war die DDR etwa in der weltweiten wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Konkurrenz insgesamt gesehen keine erfolgreiche Nation. Und dass sportliche Ergebnisse früher durch systematisch organisiertes und auch heute zumindest fallweise nachgewiesenes Doping verzerrt werden, findet im Medaillenspiegel ebenfalls keine Berücksichtigung.

Eine Medaille in einer jungen sportlichen Disziplin mit wenig internationaler Konkurrenz zählt im Medaillenspiegel genauso viel wie eine in solchen Sportarten, die international weite Verbreitung haben und von vielen Athleten ausgeübt werden. Je mehr systematisch geförderte Athleten zahlreicher Nationen eine Sportart betreiben, desto ausgeglichener ist deren Leistungsfähigkeit und desto mehr entscheidet im Wettbewerb das kleine Quäntchen Glück, der richtige Wind oder die richtige Spur. Die Wirklichkeit des Sports ist zu komplex für den Medaillenspiegel.

Bei Winterspielen ist im Vergleich zu Sommerspielen die Konkurrenz weniger zahlreich und die Chance höher, eine Medaille zu gewinnen. Es nehmen einfach weniger Länder teil. Und weil zum Beispiel ein Bob erst aufwendig entwickelt und produziert werden muss, entscheidet der materialtechnische Aufwand, der für wirtschaftlich leistungsfähige Nationen leichter finanzierbar ist, nicht unerheblich über den Erfolg. Überraschungssieger in Sportarten, in denen der Erfolg stark vom Material abhängt, sind also eher selten.

Dennoch laden Politiker und Sportfunktionäre den Medaillenspiegel gerne mit Bedeutung auf. Er dient ihnen als Disziplinierungsmittel, um Sportverbände belohnen und bestrafen zu können. Er ist schließlich so wunderbar beliebig interpretierbar. Hat ein Sportverband weniger Medaillen gewonnen als erwartet, sind zwei völlig gegensätzliche Maßnahmen möglich. Entweder der Verband bekommt weniger Geld, er hat ja offenbar nicht wirksam mit seinen Mitteln gearbeitet. Oder er erhält mehr Mittel als Anschubfinanzierung, um beim nächsten Mal besser abzuschneiden.

Eine olympische Medaille krönt die sportliche Leistung eines Athleten. Darum spricht einiges dafür, in der Sportförderung die Perspektive des Athleten zu stärken. Man sollte individuell und fallweise fördern, anstatt nach Medaillenzahlen und nackten Ergebnissen. Ein Sportverband sollte durchaus auch danach bewertet werden, ob seine Athleten neben dem Sport Berufsabschlüsse erwerben, sich also erfolgreich vorbereiten auf die berufliche Laufbahn nach der sportlichen Laufbahn. Der Staatsamateur der DDR ist eine Figur aus dem Kalten Krieg, die nicht in die Gegenwart der Bundesrepublik verlängert werden darf.

Man sollte vor allem nicht vergessen, dass hinter dem Medaillenzählen ein fragwürdiges Sportverständnis steckt. Wenn die Medaille das Ziel ist, dann ist der einzelne Athlet nur Mittel zum Zweck, dieses Ziel zu erreichen. Er dient als Instrument zum Zweck des Nachweises der Leistungsfähigkeit eines Fördersystems. Was dem Speerwerfer der Speer, das ist dem Sportfunktionär der Athlet. Er soll herhalten, um das Planziel Platz x im Medaillenspiegel zu erfüllen. Dadurch stehen die Athleten nicht nur unter dem selbst gewählten Druck des Wettkampfs, sondern werden durch die Sportorganisation, die eigentlich nur dazu dient, diesen Wettkampf für ihre Athleten zu ermöglichen, zusätzlich unter Druck gesetzt.

Bei der Fußball-WM 2006 haben wir eine Vorstellung davon bekommen, wie schön Sport sein kann, wenn er sich vom reinen Erfolgszweckdenken löst. Der dritte Platz war „nur“ Bronze, dennoch wurde das ganze Land von einer Euphorie erfasst. Im Vordergrund stand die Begeisterung über mitreißende, spannende, im Ergebnis völlig offene Spiele mit gleichwertigen Mannschaften. Genau diese Freude am Wettkampf ist der hohe Wert des Sports. Der Medaillenspiegel ist eine Sichtblende, die sich vor diesen Wert geschoben hat. Er vertauscht Mittel und Zweck.

Sich mit einem Athleten über seinen Erfolg zu freuen, ist das Besondere am Sport. Sich nur über ihn zu freuen, weil er gerade eine Medaille gewonnen hat, ist bereits eine Verfallserscheinung. Sich schließlich nur über Medaillen zu freuen, weil man sie zählen kann, ist eine Dekadenzform des Sports.

Robert Prohl (links im Bild) ist Direktor des Instituts für Sportwissenschaften an der Universität Frankfurt am Main, Eike Emrich leitet den Arbeitsbereich Sportökonomie und Sportsoziologie an der Universität des Saarlands.

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