POSITION : Doping wird verdrängt? Na und!

Der Skiverband blockiert die Aufarbeitung seiner DDR-Geschichte.

Giselher Spitzer
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Giselher Spitzer -Foto: Imago

So leicht kann man sich die eigene Geschichte auch machen wie der deutsche Sport. So leicht, dass es schwer zu fassen ist.

Was ist passiert? Eine fünfköpfige Kommission des Deutschen Skiverbandes hat einen Bericht zum „DDR-Doping“ vorgelegt. Sie war wegen der Dopingvorwürfe gegen Wilfried Bock (heute Stützpunkttrainer, damals DDR-Biathlon-Verbandstrainer) und Frank Ullrich (heute Bundestrainer Biathlon, seit 1986 Bocks Kotrainer im Laufbereich) eingesetzt worden. Den Vorsitz hatte der DSV-Vizepräsident Franz Steinle, was die Besorgnis der Befangenheit auslöst. Und das Ergebnis? Ist alarmierend.

Beginnen wir mit der irritierenden Ausblendung unangenehmer Fakten. Die Kommission wollte „keine erneute Aufarbeitung des komplexen Themas ‚Doping im Hochleistungssport zu DDR-Zeiten’“. Sie begrenzte sich deshalb auf die Ergebnisse zweier Kommissionen aus dem Jahre 1991. Dem Verfahren liegt also ein 18 Jahre alter Wissensstand zu Grunde. Was seitdem geschah, bleibt völlig ausgeblendet, etwa die Strafprozesse und Urteile wegen „Kinderdopings“. Auch die umfangreiche historische Forschung wird ignoriert. Die Rekonstruktion des DDR-Zwangsdopingsystems bleibt also außen vor – eigentlich ein Revisionsgrund für den so genannten Abschlussbericht des DSV.

Die Forschung hat festgehalten, dass ein Mitwissen der DDR-Athleten beim Doping auch im Spitzenbereich nicht die Regel war. Der Verbandsarzt Kämpfe berichtete als Stasi-Mitarbeiter, dass man bei den Frauen sogar zur Vergabe mit der Nahrung überging, weil Vorbehalte bestanden hätten. Dagegen waren DDR-Trainer und -Ärzte über Dopingwirkungen und über gesundheitliche Gefahren informiert. Dies belegen geheime Richtlinien zur Fort- und Weiterbildung. Laut Verbandsarzt Kämpfe sollten ab 1984 je Biathlet und Saison zwischen 450 und 600 mg OT eingesetzt werden. In den Nachbar-Disziplinen Langlauf und Nordische Kombination wurden noch mehr Dopingpräparate eingesetzt als nur das lebertoxische Oralturinabol: Vor Wettkämpfen wurde den Läuferinnen vermännlichendes Testosteronpropionat gespritzt und von Männern psychoaktives Clomiphen geschluckt.

Laut DSV-Kommission musste das sportliche Umfeld „davon gewusst haben, dass es sich um etwas ‚Verbotenes’ handelte“. Man sei davon „überzeugt, dass zumindest die Chefverbandstrainer näher informiert gewesen sein mussten“. Solche unscharfen, kaum belastbaren Aussagen lassen sich nur erklären, wenn sie auf Grundlage von Erklärungen des mutmaßlich dopingverstrickten Personals entstanden ist. Und: sie fallen hinter den juristischen und historischen Erkenntnisstand zurück – sie sind falsch.

Der DSV hat nun die Empfehlungen seiner Kommission befolgt. Das Arbeitsverhältnis mit Stützpunktleiter Bock wird beendet, da er als Verbandstrainer aktiv in die Verabreichung von Dopingmitteln involviert war. Bock hatte das übrigens noch im März 2009 – ebenso wie sein damaliger Kotrainer Ullrich – abgestritten, nun aber vor der Kommission eingeräumt. Oder haben ihn Angaben aus seiner Doppelrolle als Stasi-IM belastet?

Der von Zeugen wie Rechtsanwalt Jens Steinigen oder Staffelweltmeister Jürgen Wirth wegen Überwachung der Anabolika-Einnahme belastete Bundestrainer Ullrich soll hingegen bleiben. Bei ihm schließt die Kommission die Schere zwischen ihrer Annahme, alle hätten Doping-Kenntnis, und Ullrichs öffentlich erklärter Unkenntnis durch eine überraschende Konstruktion: die Kommission sieht in seinem angeblichen Unwissen einen wohl unbewussten „Verdrängungsmechanismus“. Ob diese Fehlleistung Ullrich allerdings dazu qualifiziert, heute im Hochleistungssport der Bundeswehr eine leitende Funktion einzunehmen, wenn er möglichen Betrug 20 Jahre lang „verdrängt“ hat? Das Verteidigungsministerium sollte in einem öffentlich-rechtlichen Verfahren die Dopingvorwürfe prüfen: In der Causa Ullrich fallen sie nicht auf den DSV, sondern auf ein Bundesministerium mit großen Verdiensten in der Doping- und Stasi-Aufarbeitung zurück.

Die Grundannahme der Kommission lautet: Wie bei Ullrich als DDR-Disziplintrainer ,Lauf’ im Biathlon habe die „zweite Linie“ zum einen nicht die Möglichkeit, aktiv zum Doping in der ehemaligen DDR beizusteuern und hat dies nach dem Erkenntnisstand der Kommission auch tatsächlich nicht getan. Damit wird die Verantwortung der Trainer auch in der zweiten oder dritten Reihe völlig verkannt. Auch die vorbildlichen Trainer-Rücktritte zur Vermeidung von Dopingmitwirkung wie im Fall von Henner Miserski, der damit auch seine Tochter Antje schützte, werden damit missachtet.

Der DSV folgert aus falschen Annahmen eine falsche Richtlinie: Wenn es bereits eine „valide Untersuchung“ von Dopingvorwürfen gebe oder wenn die „zweite Linie“ betroffen sei, soll künftig überhaupt kein Verfahren stattfinden. Bei der „2. Linie“ will man nur dann aktiv werden, wenn ‚gravierende’ Gesundheitsschäden nachgewiesen werden, Minderjährige betroffen sind oder ein ‚aktiver Beteiligungsbeitrag’ einen „dringenden Tatverdacht“ begründet. Strafrechtler werden hinsichtlich des Tatverdachts sicherlich bald antworten können, zum Thema „Minderjährige“ ist es jedoch auch für Nicht-Juristen einfach: In der Saison 1984/85 sah der Verband die „erstmalige Beeinflussung mit u.M.“ (gemeint sind Anabolika) bei sechs minderjährigen Biathleten vor. Die Kommission möge ermitteln. Ihr Spruch in Sachen Frank Ullrich darf jedenfalls keinen Bestand haben.

Der Autor ist Sportwissenschaftler an der Humboldt-Universität Berlin und anerkannter Dopingforscher. Er schrieb Standardwerke wie „Doping in der DDR“.

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