POSITION : Wo bleibt die Menschenwürde?

Das aktuelle Menschenbild im Hochleistungssport ist nicht mehr vertretbar

Helmut Digel

Ein Junge ist außerordentlich begabt. In der Schule gehört er zu den Besten, gleich ob Sprachen, Naturwissenschaften, Musik. Im Sport ist er ebenso vielseitig, spielt erfolgreich Fußball, gewinnt auch mal bei den Leichtathleten und erreicht beim Handball die Endrunde um die deutsche Jugendmeisterschaft. Nennen wir ihn Peter und stellen wir uns die Frage, was aus ihm im System des deutschen Hochleistungssports geworden ist.

Ein Jahrzehnt lang hat der Sport Peter fasziniert und seine Persönlichkeitsentwicklung geprägt. Über den Sport fand er Freunde. Der Sport verschaffte ihm Anerkennung. Doch immer gab es daneben noch eine andere, eine private Welt, in der Peter seine eigene Meinung haben und sich aus einer anderen Perspektive wahrnehmen konnte: Als Student, Freund, Sohn, leidenschaftlicher Leser, Kinogänger und Konzertbesucher, aktiver Diskutant über politische Fragen.

Heute spielt Peter in der Bundesliga und der Nationalmannschaft. Er hat sich entscheiden müssen: Studium oder Handball; vielfältige Interessen oder nur ein Interesse; sechs Tage in der Woche Training oder zwei Tage. Sport ist heute für Peter etwas völlig anderes.

Seine Entwicklung ist typisch für eine Sportkarriere. Es gibt wenig Verbände, denen die Persönlichkeitsentwicklung der Sportler nicht gleichgültig ist und die ihnen auch eine Ausbildung oder ein Studium empfehlen. In fast allen Sportarten werden Sportler von ihren Trainern und Funktionären zu einer Entscheidung gezwungen: „Alles oder nichts!“. Der Sportler solle sich auf seine Karriere konzentrieren. In Wirklichkeit bedeutet das: Er muss seine Persönlichkeit beschränken.

Es gibt aber noch fragwürdigere Veränderungen: Wer Hochleistungssport betreibt, hat sich der Werbung zu verpflichten. Ohne Werbung kein Zugang zur Nationalmannschaft. Der Spieler muss sich gegenüber den Werbebotschaften neutral verhalten. Reklame für Atomenergie muss er ebenso ertragen wie die Werbung für eine Brauerei. Ist er selbst überzeugter Pazifist, an ökologischen Idealen orientiert oder hält er Alkoholkonsum für eine Volkskrankheit, kann dies alles kein Grund sein, diese Werbung am eigenen Leib zu verweigern. Athleten wurden so schleichend ihrer Freiheitsrechte beraubt. Sie haben dies mehr oder weniger bewusst hingenommen, wohl weil ihnen ihre sportlichen Ziele bedeutsamer erscheinen.

Für viele ist diese Art von Fremdbestimmung irrelevant. Der Athlet würde schließlich dafür hinreichend entschädigt, mit immensen Antrittsgeldern, Siegprämien, Sponsorenverträgen. Außerdem werde der Athlet ja nicht gezwungen, Profisportler zu sein. Die ethische Kritik sei deshalb allenfalls eine Bagatelle.

Doch nicht nur das Äußere des Athleten wird heute zur Kommerzialisierung durch und in der Öffentlichkeit freigegeben. Längst wird auch das Innere des Körpers der öffentlichen Kontrolle übergeben. Der immer noch wachsende Dopingbetrug hat dazu geführt, dass jeder saubere Athlet Kontrollen bei Wettkämpfen zu akzeptieren hat. Unter Aufsicht einer Überwachungsperson hat er zu urinieren – oft in unwürdigen Räumen. Dieser Prozess findet längst auch außerhalb der Wettkämpfe statt. Damit ein Dopingtest wirklich überraschend, also wirksam sei, muss der Kontrolleur den Athleten bei Tag und bei Nacht, am Arbeitsplatz, während des Studiums oder zu Hause aufsuchen können. Hierzu ist ein Meldeverfahren erforderlich, das längst zu einer Sammlung von Daten über die Athleten geführt hat und sich unter Berücksichtigung der Menschenwürde als höchst problematisch erweisen könnte.

Auch Blutkontrollen muss sich der Spitzenathlet unterziehen, auch dann, wenn seine religiösen Überzeugungen eine derartige Behandlung seines Körpers nicht zulassen. Doch dies alles sei notwendig, wollen wir wenigstens den Versuch wagen, zukünftig einen fairen Hochleistungssport zu sichern. Im Kampf gegen den Dopingbetrug seien Opfer zu erbringen und Gerichte haben entschieden, dass solche Opfer erlaubt sind. Die Frage, ob es eine Alternative zum Kontrollsystem gibt, wird deshalb gar nicht mehr gestellt.

Darüber hinaus muss der Spitzensportler heute bereit sein, den Schmerz als jenes natürliche Signal, das die Natur uns zum Schutz unserer eigenen Menschenwürde gegeben hat, zu überwinden. Zum Menschenbild des modernen Hochleistungssports gehört, dass mit Schmerzmitteln Barrieren überwunden werden, dass mit Verletzungen weiter gespielt wird. Die Gesundheit des Athleten wird so zum ökonomischen Spielball.

Dabei könnte der Hochleistungssport, unterstützt durch ein verantwortliches Gesundheitsmanagement, durchaus ökonomisch erfolgreich gestaltet sein, ohne dass die Gesundheit der Athleten wissentlich aufs Spiel gesetzt wird.

Im Sport konkurrieren derzeit offensichtlich verschiedene Menschenbilder. Ohne Zweifel können auch moralische Wertvorstellungen einem Wandel unterliegen. Stellt man aber die Frage nach der Menschenwürde, versucht man zu klären, was die Humanität des Menschen auszeichnet, verbietet sich jedoch die relativierende Betrachtung. Der Sport zeigt, dass die Würde des Menschen – anders als im Grundgesetz gefordert – angetastet werden kann. Deshalb: Das aktuelle Menschenbild im Hochleistungssport ist kaum tragfähig und nicht vertretbar.

Wenn die Aussage eines vorbestraften Leichtathletiktrainers richtig ist, dass es für humane Leichtathletik keine Weltmeisterschaft gibt, stellt sich die Frage, ob wir uns nicht von Teilen des Hochleistungssports verabschieden sollten. Ein Hochleistungssport, der sich gegen die Humanität ausspricht, der durch Fremdbestimmung, kommerziellen Eigennutz, Betrug und eine gewollte Gefährdung der Gesundheit geprägt wird, hat es zumindest nicht verdient, dass er aus Mitteln des Steuerzahlers finanziert wird.

Helmut Digel ist Professor und Direktor am Institut für Sportwissenschaft der Universität Tübingen und Ehrenpräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.

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