POSITION : Zwei Wochen Quarantäne für Pechstein!

Der komplizierte Fall ist nur durch Statistik zu lösen.

Fritz Sörgel

Der Fall Pechstein ist einer der schwierigsten der bisherigen Dopingfälle. Eingedenk der Tatsache, dass eine Entscheidung in diesem Fall einen Menschen zum Betrüger abstempelt, muss Zuhören, Nachdenken und ergebnisoffenes Recherchieren selbstverständlich sein. Beim Verfahren der Internationalen Eislauf-Union (ISU) waren bisher nur hochkarätige Wissenschaftler am Werke. Trotzdem befriedigt die knappe Begründung des Urteils der zweijährigen Dopingsperre nicht.

So unterstreicht Professor Wolfgang Jelkmann aus Lübeck, ein weltweit führender Epo-Forscher, wie schwer es wäre, ein solches Blutbild über neun Jahre hinweg zu fabrizieren. Der Bayreuther Kollege Walter Schmidt, eine Kapazität auf dem Gebiete der Blutvolumenbestimmung, spricht von nicht normalen Blutwerten, hält aber eine veränderte Lebensdauer der roten Blutkörperchen als Ursache für möglich. Festlegen wollen und können sich beide nicht. Die vom Pechstein-Team zur Verfügung gestellte Excel-Datei ihrer Blutwerte– ein guter und wichtiger Schritt – eröffnet alle Möglichkeiten des Kaffesatzlesens. Ich würde dabei auf Hämoglobinabfälle von fast drei Einheiten innerhalb von drei Tagen (vom 6. auf den 9. Februar 2004) hinweisen. Nachdem am 6. Februar 2004 ein hoher Wert von 16,5 gefunden wurde. Da von einem physiologischen Abfall zu sprechen, bei sonst konstanten Hämoglobin-Werten, fällt schwer. Zum gleichen Zeitpunkt gemessene Retikulozyten geben aber keinen Hinweis auf Eigenblutdoping. Und auf Epo-Doping schon gar nicht. Sind die Hämoglobinwerte also manipuliert worden, per Aderlass, Plasmaexpander oder Flüssigkeitszufuhr? Insgesamt müssen die von Frau Pechsteins Schuld Überzeugten zugestehen, dass die Daten dieser Excel-Datei nur durch ein perfektes System der Verschleierung zu erklären wären. Ein System, wie wir das bisher nicht gesehen haben.

„Bei mir wurden keine Spritzen oder Blutbeutel gefunden“, verteidigt sich Claudia Pechstein. Das hat nicht viel zu sagen, längst sind die perfekten Doper in der Überzahl, sie verlieren keine Blutbeutel mehr. Der Fall Pechstein hingegen ist komplizierter. Zumal die drei Messwerte bei der Weltmeisterschaft im Februar in Hamar für die Retikulozyten, Hämoglobin und Hämatokrit einfach keine eindeutige Interpretation zulassen.

Doch wenn der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und neuerdings auch Innenminister Wolfgang Schäuble – trotz Urteils – die „Unschuldsvermutung“ einfordern, dann sollten sie auch aktiv werden. Indem sie die Nationale Anti-Doping-Agentur verpflichten, die Blutdaten aller Sportler einem unabhängigen Statistiker für weitere Modellberechnungen zur Verfügung zu stellen. Denn mit den Modellen zur Beweisfähigkeit der indirekten Bluttests auf Doping – ähnliche Fälle gibt es in fast allen Bereichen der Medizin – ist es so wie mit der Vorhersage von Erdbeben. Je besser das Modell ist und je besser die Anzahl und Qualität der Daten, desto besser ist die Erdbebenwarnung. Der Anti-Doping- Kampf kann nur davon profitieren, wenn mehrere Modelle existieren und sich im Wettbewerb das beste durchsetzt. So funktioniert Wissenschaft.

In einem Indizienprozess muss die Messlatte hoch sein. Denn der Fall wird nur durch die Statistik, also Wahrscheinlichkeitsrechnung, zu beenden sein. Einzubeziehen wären aber auch Daten von Instituten die Forschung am gesunden Nicht-Hochleistungssportler betreiben, zum Beispiel aus der Arzneimittelforschung. Solche Daten hätten den Vorteil, dass sie unter strengen Qualitätskriterien erarbeitet werden. Dafür gibt es genug Institute.

Was aber steht im neuen Kodex der Welt-Anti-Doping-Agentur? Kann die Länge einer Sperre bei einem indirekten Beweis wirklich unabhängig von der statistischen Sicherheit gegeben werden? Ich denke nicht. Die Sportlerin hat ein Recht auf eingehende Untersuchung, trotz möglicher eigener Fehler. Es sind die Umstände der Blutentnahmen detailliert zu ermitteln, ebenso Angaben zum Urin. War er verdünnt, wann wurde er genommen, gibt es verdächtige Epo-Banden? Parallel muss Frau Pechstein von Kopf bis Fuß von klinischen Chemikern, Genetikern und einem Hämatologen untersucht werden – als Minimalprogramm. Am besten wären zwei Wochen Quarantäne, um die Entwicklung ihres Blutbildes unter Aufsicht zu beobachten.

Das wäre zwar ein massiver Eingriff in die Freiheit des Athleten, aber schließlich geht es für sie auch um sehr viel. In Quarantäne würde sich schnell die Frage klären, ob sich doch noch ein normales Blutbild bei ihr einstellt. Das würde dann auf Doping hinweisen – wie auch der Abfall ihrer Werte nach den Messungen bei der WM in Hamar (von 3,38 Prozent Reticulozyten am 7. Februar 2009 auf 1,37 Prozent in einem Test am 18. Februar 2009). Oder es würde sich zeigen, dass ihre RetikulozytenWerte erhöht bleiben. Das würde sie entlasten.

Fritz Sörgel ist einer der bekanntesten Pharmakologen und Dopingexperten Deutschlands. Er leitet das Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg.

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