Sport : Positionen: Der Ruf nach dem Staat ist keine Lösung

Klaus Kinkel

Großrazzia beim Giro - die Radsportler wurden von der Polizei auf Dopingmittel gefilzt wie Kokain-Händler. Leider mit verheerenden Ergebnissen: Angeblich sollen nur zwei Teams sauber gewesen sein, fast die Hälfte aller Fahrer ist verdächtig, viele müssen jetzt mit drakonischen Strafen rechnen.

Muss es im Sport wirklich so weit kommen? Es stimmt, Doping nimmt in fast allen Sportarten immer dramatischere Ausmaße an. Die Doping-Geißel droht, den Sport kaputtzumachen. Italien geht jetzt neue Wege, will die Dopingsünder, also nicht nur die Sportler, sondern auch Ärzte und Betreuer, über das Strafrecht und mit knallharter Polizeigewalt bekämpfen. Und rüttelt mit solchen Aktionen auf, setzt Warnzeichen, das muss man den Italienern zugute halten.

Eine Kriminalisierung der Sportler kann aber nicht die Lösung sein. Die Autonomie des Sports muss unangetastet bleiben, der Staat sollte nur unterstützend tätig werden. Außerdem macht man es sich mit dem Strafrecht als Mittel der Dopingbekämpfung zu einfach: Doping ist ein gesellschaftliches Problem, das auch aus der wachsenden Kommerzialisierung und Hollywoodisierung des Sports und dem immer stärker werdenden Leistungsdruck erwächst. Da müssen wir alle umdenken. Scharfe Kontrollen, drastische Strafen, Aufklärungskampagnen - ja, nur so können wir Doping wirksam bekämpfen. Aber die Verantwortung dafür sollte - wenn irgendwie möglich - nicht der Staat übernehmen, sondern die Sportverbände. Sie sind jetzt in der Pflicht. In Deutschland brauchen wir endlich die Nationale Anti-Doping Agentur NADA. Sie soll die Dopingbekämpfung der Sportverbände vereinheitlichen, die Kontrollen übernehmen und die Verbände auch aus ihrer Zwickmühle als Vertreter und gleichzeitig Ankläger ihrer Aktiven befreien. Die NADA steckt längst in der Pipeline - so lange sie nicht wirklich kommt, wird sich bei der Doping-Bekämpfung nicht viel tun. Dabei könnte die Bundesregierung jetzt helfen - indem sie endlich die zugesagten zehn Millionen DM freigibt. Aber auch die Wirtschaft sollte sich an der Finanzierung beteiligen - denn sie hat Interesse an einem sauberen Sport als Werbeträger.

Der Sport insgesamt und alle an ihm Beteiligten sollten die Vorgänge beim Giro als Warnschuss begreifen - und als Weckruf. Sonst geht der Sport im Dopingsumpf unter.

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