Post aus Peking : Land im Aufbruch

Einsichten und Ansichten unserer Paralympics-Reporter. Heute freut sich Annette Kögel über Fortschritte im Gastgeberland.

Annette Kögel[Peking]
Annette Kögel
Annette Kögel berichtet aus Peking für den Tagesspiegel von den Paralympics.

Im Stadion zünden die Raketen, reden die Obersten des Staates und der internationalen Sportverbände – und das Publikum feiert die Zeremonie, die Sportler und sich selbst. Dieses Land ist im Aufbruch, das ist deutlich zu spüren. In den Provinzen werden Menschen, die nicht dem vermeintlichen Idealbild entsprechen, noch allzu oft  weggesperrt und versteckt. Und auch in Peking wurden blinde Masseure und die Müllsammler, oft mit körperlichen Handicaps, aus dem Vorzeigeareal rund um das Nationalstadion vertrieben.

Doch jetzt, bei den Paralympischen Spielen im "Vogelnest", jubeln die Chinesen begeistert jenen zu, die in Rennrollstühlen über die Bahn zu fliegen scheinen, trotz Prothesen oder verkürzter Gliedmaßen Weltrekorde brechen. Die Hightech-Rollstühle und Carbonprothesen, mit denen die Sportler da drinnen Höchstleistungen vollbringen, kann sich die Bevölkerung da draußen indes kaum leisten. In China schieben sich Menschen, die ihre Beine verloren haben, auf simplen Bretten mit Rollen darunter vorwärts. Vorm Vogelnest rollte nach der Eröffnungsfeier ein Amputierter durch die Menge vorm Stadion, der eine Achse mit zwei Rädern zum Rollstuhl umfunktionierte. Für Besucher aus dem Westen ein beklemmernder Anblick.

Allein die Tatsache, dass die Paralympischen Spiele in China stattfinden, ist ein Stück mehr Gleichberechtigung für Menschen mit Behinderungen. Der deutsche Bundespräsident Horst Köhler hat nach seinen Gesprächen mit Sportlern davon erzählt, dass sich sich diese im Land warm und herzlich empfangen fühlen. Die Chinesen gingen sehr freundlich und zuvorkommend, zupackend und hilfsbereit auf sie zu. Da war jener Rollstuhlfahrer aus England, der sofort von Umstehenden die Treppe hinunter getragen wurde, kaum war er in den U-Bahnhof gerollt. Die Deutschen können zumindest in diesem Punkt wohl auch etwas von den Chinesen lernen, hatte Köhler am Rande des Empfangs in der Deutschen Botschaft gesagt.

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