Sport : Präsident auf Abruf

Mayer-Vorfelder hat im DFB keinen Rückhalt mehr – Schatzmeister Zwanziger will gegen ihn antreten

Robert Ide[Frankfurt am Main]

Als Theo Zwanziger um Mitternacht die Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) durch den Hinterausgang verließ, hatte er gute Laune. „Das war eine schöne, lange, kritische Sitzung“, sagte der DFB-Schatzmeister, während er sein Jacket in seine Limousine legte. Noch eine private Frage, Herr Zwanziger: Werden Sie im Oktober für das Amt des Präsidenten kandidieren? Zwanziger lacht: „Private Frage? Darum ging es doch die ganze Zeit.“ Dann fährt er davon. Ein paar Stunden später, es ist Dienstagmorgen, erklärt er offiziell seine Kandidatur gegen den amtierenden Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder. „Ich habe feststellen müssen, dass sein Führungsstil nicht der ist, der in einem demokratisch ehrenamtlich geprägten Verband überall auf Freude stößt“, lässt Zwanziger wissen. Der neue Kandidat (siehe Porträt unten) greift den alten Verbandschef inzwischen offen an.

Am Tag nach der Krisensitzung des DFB-Präsidiums in Frankfurt am Main ist der Machtkampf im deutschen Fußball für alle sichtbar ausgebrochen. Nach der misslungenen Trainersuche für die Nationalmannschaft, die Mayer-Vorfelder zur Chefsache ohne Ergebnis gemacht hatte, droht einem DFB-Präsidenten erstmals die Abwahl. Die wichtigen Vertreter der Amateurbasis und der Profiliga sind fest entschlossen, der Welt zur Weltmeisterschaft 2006 ein neues deutsches Fußball-Gesicht zu präsentieren.

Einen ersten Machtverlust musste Mayer-Vorfelder schon bei der sechsstündigen Sitzung erleben. Die Trainersuche wurde dem 71 Jahre alten Funktionär aus der Hand genommen. Nun soll eine vierköpfige Gruppe einen Nachfolger für Teamchef Rudi Völler finden – neben Mayer-Vorfelder gehören dieser Kommission DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt, der Organisationschef der WM 2006 Franz Beckenbauer sowie der Präsident der Deutschen Fußball Liga Werner Hackmann an. Vor allem Hackmann hatte darauf bestanden, Mayer-Vorfelders Kompetenzen zu beschneiden. Favorit bei der Trainersuche ist Europameister Otto Rehhagel (siehe Artikel rechts).

Den emotionaleren Teil der Krisensitzung bildete sowieso die Debatte um den DFB–Präsidenten. Jeder der elf Beteiligten ergriff das Wort, dabei wurde nach Angaben von Beteiligten eine „allgemeine Unzufriedenheit“ mit dem Führungsstil des Präsidenten deutlich. Mayer-Vorfelder, dem offenbar kein Funktionär beisprang, soll sich nach Angaben von Teilnehmern mit dem Hinweis gewehrt haben, unter Führung verstehe er „den Stil, den ich als Minister hatte“. Die Mehrheit am Tisch gab jedoch zu verstehen, dass Führung auch eine Teamaufgabe sei.

Die Meinungen blieben bis zum Schluss unversöhnlich. „Bei einigen ist ein sehr ausgeprägtes Beharrungsvermögen vorhanden“, sagte Liga-Chef Hackmann am Tag darauf – offenbar in Anspielung auf Mayer-Vorfelder. Dieser will nach wie vor auf dem DFB-Bundestag am 23. und 24. Oktober für das Präsidentenamt kandidieren. So könnte es erstmals in der 104-jährigen Geschichte des Verbandes eine Kampfabstimmung geben. Eine Kommission aus nahezu einem Dutzend Funktionären will das noch verhindern. Die Gruppe, die offiziell eine „konsensuale Lösung suchen soll, die eine Kandidatur beider für das Amt des Präsidenten vermeidet“, hat nach Meinung von Insidern vor allem die Aufgabe, Mayer-Vorfelder zur Aufgabe zu bewegen. Das erste Treffen der Gruppe, in der auch der durch harte Kritik am Präsidenten hervorgetretene DFB-Vize Engelbert Nelle vertreten ist, soll am Freitag in Frankfurt am Main stattfinden. Nelle gab sich intern zuversichtlich, den Präsidenten vom Thron stürzen zu können. Nach der Sitzung sagte er: „Das Ergebnis ist in unser aller Sinne.“

Vor der Sitzung hatte sich Mayer-Vorfelder noch kämpferisch gegeben. „Ich komme ohne Schutzpanzer und Helm“, hatte er bei seiner Ankunft gerufen. Doch kurz darauf teilte ihm Zwanziger in einem Vier-Augen-Gespräch seine Ambitionen mit. Dann folgte die geballte Kritik der Funktionäre. Als die Beteiligten gegen Mitternacht den Ort des Machtkampfs verließen, wirkte Mayer-Vorfelder auf viele angeschlagen. Bis zum Morgen saß er noch mit Schmidt und Beckenbauer zusammen. Die Sitzung nach der Sitzung dauerte bis zwei. Dann übernachtete Mayer-Vorfelder in der DFB-Zentrale – im Apartment des Präsidenten.

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