Sport : Präsident ohne Gefolgschaft

DFB-Chef Gerhard Mayer-Vorfelder will wieder kandidieren – aber wer unterstützt ihn noch?

Michael Rosentritt[Stephanie Souron],Friedhard

Berlin - Gerhard Mayer-Vorfelder wankt, aber wird er auch fallen? Es scheint im Moment jedenfalls wenige zu geben, die den Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes noch stützen wollen. „Er ist angeknockt“, heißt es beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). Doch nicht nur in der Zentrale in Frankfurt am Main, sondern auch in anderen Teilen der Fußball-Republik wird über seine Ablösung nachgedacht. In den Regionalverbänden, zum Beispiel in Süddeutschland, hat Mayer-Vorfelder offenbar den Rückhalt verloren.

Dass der 71 Jahre alte Schwabe die Nachfolge von Rudi Völler alleine bestimmen, verhandeln, verkünden wollte, ist nur der jüngste Anlass für den Widerstand gegen ihn. Am Montag wird sich in Frankfurt am Main das zwölfköpfige Präsidium des DFB zu einer außerordentlichen Sitzung treffen. Dabei soll es nicht nur um den neuen Bundestrainer Ottmar Hitzfeld gehen, sondern auch um die Verhandlungen des Präsidenten. „Wir sind sauer und verärgert, dass es keinerlei Kommunikation gegeben hat“, sagt DFB-Vizepräsident Engelbert Nelle. Anstatt den DFB-Generalsekratär Horst R. Schmidt und die Bundesliga einzubeziehen, tagte Mayer-Vorfelder lieber mit seinem Küchenkabinett, das aus seiner Frau Margit und seinem persönlichen Referenten Jan Lengerke besteht.

Die entscheidende Frage ist derzeit jedoch: Gibt es überhaupt noch jemanden, auf den sich Mayer-Vorfelder verlassen kann und der ihm behilflich sein wird, von den Delegierten der Landesverbände beim DFB-Bundestag am 22. und 23. Oktober in Osnabrück für drei weitere Jahre gewählt zu werden? Selbst einflussreiche Personen des deutschen Fußballs wissen nicht mehr, wer das sein sollte.

Seine einstigen Verbündeten haben sich längst von ihm abgewendet. Es waren vor allem die Verantwortlichen des FC Bayern München, die Mayer-Vorfelder 2001 ins Amt verholfen hatten. Sie wollten ihn haben, weil er sich ihr wichtigstes Anliegen zu eigen machte: die Herauslösung der Profivereine aus dem DFB. Sie erfolgte denn auch zeitgleich mit Mayer-Vorfelders Wahl zum Präsidenten im April 2001.

Die Bayern haben ihr Ziel erreicht, die Profivereine haben sich neu organisiert unter dem Dach der Deutschen Fußball Liga. Was will die Bundesliga jetzt noch mit Mayer-Vorfelder anfangen?

Es scheint, als habe Mayer-Vorfelder seinen Gleichgewichtsverlust noch nicht bemerkt. „Ich habe bis heute nicht gehört oder gelesen, was ich konkret falsch gemacht habe. Ich hab in kürzester Zeit ungestört mit dem verhandelt, den alle wollten. Alle sollten zufrieden sein“, sagte er gestern in Lissabon. Er werde auf jeden Fall für eine weitere Amtszeit kandidieren. Wie käme er denn dazu, etwas anderes zu denken?

Mayer-Vorfelder will glauben machen, dass der ganze Wirbel um ihn wieder einmal inszeniert sei. Und er kann in der Tat von sich behaupten, bisher alles ausgehalten zu haben, nicht in die Knie gegangen zu sein, auch nicht nach Vorwürfen der persönlichen Bereicherung und der Steuerhinterziehung. Mayer-Vorfelder verfügt über einen ausgezeichneten politischen Instinkt. Er ist stark. Er kann sich durchsetzen. Der CDU-Politiker war 18 Jahre lang Minister in Baden-Württemberg. Er weiß vor allem, wo er Mehrheiten finden kann. Dabei schert er sich wenig darum, ob seine Positionen moralisch anrüchig sein könnten.

Doch diesmal könnte es selbst für ihn zu viel werden, auch weil er körperlich angeschlagen ist. Regionalverbände, Organisationskomitee für die WM 2006, Deutsche Fußball Liga, Vereine – sie formieren sich nun offensichtlich gegen den Präsidenten und fordern ihn heraus. Dass er die Verwirrung erklären soll, die er mit der Nachfolgerdebatte gestiftet hat, ist das Mindeste. Dass sie ihn nicht mehr als Präsidenten haben wollen, wäre das Äußerste.

Sogar ein Nachfolger wird schon genannt: Theo Zwanziger. „Dem traue ich es zu“, sagt etwa Heinrich Schmidhuber, der Vizepräsident des Süddeutschen Fußball-Verbandes. Zwanziger ist schon jetzt Schatzmeister des DFB und Vizepräsident des Organisationskomitees für die WM 2006. Der Rechtsanwalt hat einen Vorteil: die Unterstützung des DFB-Vizepräsidenten Franz Beckenbauer. Und ihm wird Verlässlichkeit zugesprochen, Solidität, Zurückhaltung – all jene Eigenschaften, die Gerhard Mayer-Vorfelder zurzeit vermissen lässt.

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