Präsidentenwahl : Sieg des einzigen Kandidaten

Auf der Jahreshauptversammlung von Hertha BSC wurde lange debattiert, gestritten und gewählt. Die Ernennung des neuen Präsidenten ging allerdings reibungslos über die Bühne.

Sven Goldmann
Gegenbauer
Werner Gegenbauer ist neuer Hertha-Präsident-Foto: dpa

BerlinZweieinhalb Stunden lang hat Werner Gegenbauer gewartet, ganz vorn in der ersten Reihe, gleich neben dem Rednerpult. Er ertrug die wirren Zwischenrufe eines offensichtlich angetrunkenen Fußballfans mit ebenso stoischer Ruhe wie die weitgehend sinnfreie Rede des greisen Wolfgang Holst, der früher mal war, was Gegenbauer an diesem Abend werden wollte, nämlich Präsident von Hertha BSC. Gegenbauer hatte Zeit und Geduld, denn das gute Ende der Jahreshauptversammlung im ICC war ihm gewiss. Es war drei Minuten nach acht, als Herthas Mitglieder endlich die Wahl getroffen hatten, die im eigentlichen Sinne keine war. 672 von 864 stimmberechtigten Mitgliedern wählten den 57 Jahre alten Unternehmer in geheimer Abstimmung für vier Jahre zum Präsidenten des Fußball-Bundesligisten. Werner Gegenbauer war der einzige Kandidat.

Die Dankesrede des mit bisher unbekannter Machtfülle ausgestatteten Präsidenten fiel kurz aus: „Ja, sehr gerne“ nehme er die Wahl an, mehr ließ das Protokoll nicht zu, denn es wurde noch lange debattiert und gestritten und gewählt an diesem Freitagabend. Bedingt durch ein umfangreiches Satzungsrevirement waren reichlich Plätze in Präsidium und Aufsichtsrat zu besetzen. Gegenbauer, bislang Vorsitzender des Aufsichtsrats, gab seinen Posten in diesem Gremium an Bernd Schiphorst ab, der Hertha zuvor acht Jahre lang als Präsident gedient hatte. Die Kampfabstimmung um den Posten des Vizepräsidenten gewann Gegenbauers Kandidat Jörg Thomas mit 514:338 Stimmen gegen Klaus Brüggemann. Der wurde später zu einem der sieben normalen Präsidiumsmitglieder gewählt, wie auch Norbert Sauer, Chef der Filmproduktionsgesellschaft Ufa.

Eine Woche nach dem Ende einer wechselhaft verlaufenen Bundesligasaison übten sich Funktionäre und Mitglieder in Harmonie. Herthas Manager Dieter Hoeneß erwähnte fast beiläufig, die Verbindlichkeiten des Klubs seien auf rund 30 Millionen Euro gesunken. Vor zwei Jahren waren es noch 54,4 Millionen Euro. Ganz besonders freute sich das Wahlvolk darüber, dass der scheidende Präsident Schiphorst den ebenfalls scheidenden Profi Andreas Schmidt nach 17 Jahren Dienst für Hertha BSC zum „Herthaner des Jahres“ kürte.

Schmidt bekam für seine anrührend-ungelenke Abschiedsrede ebenso stehende Ovationen wie Torhüter Christian Fiedler. Der wird noch ein Jahr weitermachen, soll dann Torwarttrainer Enver Maric beerben, aber auch nur dann, wenn die nachrückenden Talente gut genug sind für den Platz auf der Ersatzbank, den Fiedler im übrigen so schnell wie möglich verlassen will: „Natürlich habe ich den Ehrgeiz, wieder zu spielen“, rief der bei den Fans beliebte Torhüter ins Mikrofon. Der ganze Saal jubelte, mal abgesehen von Stammtorhüter Jaroslav Drobny, der wie der Rest der Mannschaft zur Teilnahme an der Jahreshauptversammlung vergattert worden war.

Auch Lucien Favre hielt eine Rede, es war die längste und charmanteste, seit er im vergangenen Juni den Job als Trainer in Berlin angetreten hatte. Mit nachdenklich-freundlichem Unterton sprach der Schweizer von einer „sehr schweren Saison“ und davon, dass er mit Platz zehn ganz und gar nicht zufrieden sei. „Wir müssen in der nächsten Saison besser spielen“, und selbstverständlich bleibe sein Ziel der Aufbau einer Mannschaft, „die irgendwann um den Titel mitspielen“. Erst einmal freute sich Monsieur Favre über „den Platz im Uefa-Cup, ein Geschenk“, überreicht von der Deutschen Fußball-Liga in Anerkennung des Berliner Erfolges in der Fairnesswertung. „In der nächsten Saison werden wir auch sportlich um einen Uefa-Cup-Platz kämpfen“, versprach Favre und überraschte damit sogar seinen Vorgesetzten. „Eigentlich wollte ich mit dieser Aussage warten, bis unsere neue Mannschaft komplett ist“, sagte Dieter Hoeneß. „Aber der Trainer war schneller als ich.“

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