Sport : Preha statt Reha

Der hohen Belastung im WM-Jahr will der DFB mit Vorbeugung im großen Stil entgegen treten

Daniel Pontzen[München]

Natürlich kam die Frage, sie kommt nämlich jedes Mal, wenn ein Spieler überraschend eine Einladung von Jürgen Klinsmann erhält und wenig später im Quartier der deutschen Nationalmannschaft eintrifft. Wo ihn der Bundestrainer denn erreicht habe, wurde also Marco Engelhardt gefragt, und er kann fürs erste behaupten, hierauf die exotischste Antwort gegeben zu haben. Am Hotelpool habe er gelegen, auf Mallorca, als der prominente Name auf dem Display seines Handys erschien, womit sein Kurzurlaub jäh beendet war.

Gestern musste auch noch Thomas Brdaric seine Sommerplanung über den Haufen werfen. Klinsmann bestellte die Nachrücker notgedrungen ein: Nach dem verhinderten Rückkehrer Dietmar Hamann fiel kurzfristig Miroslav Klose aus. Der Angreifer leidet an einer entzündeten Schleimhautfalte im rechten Knie – was nicht nur unappetitlich klingt, sondern genauso unangenehm ist: Noch am Donnerstag musste sich Klose in Augsburg einer Operation unterziehen, er fällt rund vier Wochen aus.

Die zwei Verletzungen noch vor Beginn des Konföderationen-Pokals werfen die leidige Frage auf, die nicht nur Bayerns Trainer Felix Magath in den letzten Monaten immer wieder anriss: Überlastet das insgesamt vierwöchige Zusatzprogramm in der Sommerpause die Spieler? Insbesondere Hamanns im Champions-League-Finale erlittener Ermüdungsbruch im Fuß scheint die Kausalitätskette zu bestätigen: je größer der Zeitraum, in dem Spieler auf hohem Niveau beansprucht werden, desto größer die Verletzungsanfälligkeit. „Die Sommerpause, sprich der Urlaub, sollte mindestens drei Wochen dauern“, hatte der langjährige DFB-Arzt und jetzige Olympiaarzt des Nationalen Olympischen Komitees, Professor Wilfried Kindermann, schon vor zwei Jahren gesagt, als sich kurz vor Beginn der Bundesliga-Saison eine fast schon mysteriöse Häufung von Kreuzbandrissen und anderen besonders unangenehmen Verletzungen bei den Spielern ereignet hatte.

„Natürlich wäre eine längere Pause für die Spieler gut“, bestätigt Mark Verstegen, der amerikanische Fitness-Experte, der die Nationalmannschaft seit September letzten Jahres betreut. Die Länge der Pause sei aber nicht entscheidend. Es komme darauf an, wie die Zeit von den Spielern genutzt werde, was Verstegen mit einer hübschen Kfz-Analogie beschrieb: „Du kannst einen Mercedes, der ein Jahr lang viel beansprucht worden ist, danach vier Wochen in die Garage stellen – wenn du aber gleich die Verschleißteile erneuerst und dich um die Dinge kümmerst, die nicht mehr so rund laufen, können auch zwei Wochen ausreichen.“

Damit sich solche Hiobsbotschaften wie im Fall Klose gerade im nächsten Jahr nicht wiederholen, legt die medizinische Abteilung des DFB neuerdings besonders großen Wert auf Vorbeugung. Verstegen hat dafür das Wort Preha kreiert, das in Abgrenzung zur Reha (Rehabilitation) nicht die intensive körperliche Aufbauarbeit nach einer Verletzung beschreibt, sondern jene Anstrengungen, die unternommen werden, damit es erst gar nicht dazu kommt.

Am Mittwoch lotsten die medizinischen Betreuer die Spieler zu diesem Zwecke zu einem in dieser Form bislang einmaligen Check in einen Lkw, der vor dem Mannschaftshotel geparkt hatte: Im Inneren des Gefährts führten sie einen Bodyscan durch, bei dem ein Computertomograph einzelne Schichten des Körpers maß. Später durchleuchtete Nationalmannschafts-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt in seiner Münchner Praxis Rücken- und Lendenwirbel aller Kader-Mitglieder.

Für Miroslav Klose kommt diese Form der Prophylaxe zu spät, doch auch er kann sich in den nächsten Wochen richtig oder falsch verhalten. „Manchmal ist es so, dass entweder die Vereine oder die Spieler selbst zu viel Druck auf sich ausüben, nach einer Verletzung wieder schnell auf den Platz zurückzukehren“, sagt Verstegen, „aber es ist sehr wichtig, dass sie sich die notwendige Zeit nehmen.“ Kindermann beobachtet gelegentlich „einen regelrechten Wettbewerb, die Pause nach einer solchen Verletzung möglichst kurz zu halten".

Das jüngste Beispiel für einen Rückfall nach offenbar noch nicht vollständig auskurierter Verletzung ließ sich ebenfalls im Kreise der Nationalmannschaft finden. Der Münchner Andreas Görlitz schien seinen im November 2004 erlittenen Kreuzbandriss gerade auskuriert zu haben, als er sich im Training eben jenes Knie verdrehte. Sollte sich der Verdacht auf Meniskusschaden bestätigen, droht dem 23-Jährigen erneut eine längere Pause. Dass er dann im Gegensatz zu Engelhardt Gelegenheit hätte, ein paar ungestörte Tage auf Mallorca zu verbringen, wird ihm kaum ein echter Trost sein.

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