Premier League : Ach, das bisschen Brutalität

Die Reaktionen auf eine grauenhafte Verletzung von Arsenals Stürmer Eduardo zeigen erneut, wie sehr in der Premier League brutale Fouls verharmlost werden. Gemeingefährliche Tritte werden von den Fußballexperten auf der Insel als Tolpatschigkeiten abgetan.

Raphael Honigstein[London]

Der Schrecken war so groß, dass sich das Fernsehen sogar selbst ausblendete. Der Pay TV-Sender Sky, der das Fußballspiel zwischen Birmingham City und Arsenal (2:2) am Samstagmittag live übertrug, weigerte sich eine Wiederholung der Szene zu zeigen, die Regisseur Grant Best später so beschrieb: „Sein Fuß hing nur noch lose vom Bein. In 13 Jahren in diesem Geschäft habe ich keine entsetzlichere Verletzung gesehen“. Es waren keine drei Minuten gespielt, als Birminghams Verteidiger Martin Taylor weit weg vom eigenen Strafraum brutal gegen das Standbein von Arsenal-Stürmer Eduardo trat. Der Brasilianer mit dem kroatischen Pass konnte nicht mehr ausweichen; oberhalb des Knöchels knickte sein Bein wie ein Streichholz ab, ein Knochen bohrte sich durch den Stutzen. Einige Arsenalspieler mussten sich vor Übelkeit beinahe übergeben. Taylor sah die Rote Karte; Eduardo kam mit Schienbein-, Wadenbein- und Knöchelbruch in ein Birminghamer Krankenhaus. „Er fällt über die Saison hinaus aus“, sagte Arsenals Trainer Arsène Wenger, „wir haben Angst, dass es sehr viel länger dauert.“ Bei der EM wird er Deutschlands Vorrundengegner Kroatien sicher fehlen.

„High tackle“ nennt man auf der Insel solche gemeingefährlichen Tritte. Ist der Ball noch irgendwo in der Nähe, wird der Täter oft komplett entlastet. Kommt ein Spieler, wie Taylor, aber deutlich zu spät, sprechen ihm die Fachleute meist jegliche Absicht ab. Dazu schwört der eigene Trainer, dass der Mann garantiert kein schmutziger Spieler sei. So war es auch am Samstag. „Zu bösartigen Fouls ist Taylor doch gar nicht in der Lage“, sagte Birmingham-Coach Alex McLeish allen Ernstes, „es tut ihm sehr leid.“

Das Fernsehen hatte sich in diesem Fall zwar ausgeblendet, doch das darf man nicht überbewerten. Denn fast noch schockierender als Eduardos Unglück war der typische Sanftmut, mit der Taylors Foul von den TV-Experten bewertet wurde. Ex-Nationalspieler David Platt wollte gar nichts sagen, in der BBC erklärte Mark Lawrenson, das Foul sei „in erster Linie tollpatschig“ gewesen. Ähnlich einfältig hatte der frühere Liverpooler schon nach dem lebensgefährlichen Tritt von Stephen Hunt (Reading) gegen den Kopf von Chelsea-Torwart Petr Cech im Oktober 2006 argumentiert.

Da sich der Vorsatz nicht zweifelsfrei beweisen lässt, muss es im Umkehrschluss also ein Unfall gewesen sein. Diese bequeme Lesart führt dazu, dass in der Premier League weiter ein Klima der groben Fahrlässigkeit herrscht. Fußball soll Männersport bleiben, die eine oder andere katastrophale Verletzung muss man dafür in Kauf nehmen, so lautet eine allgemeingültige These. Es war wieder mal dem Ausländer Wenger vorbehalten, die Brutalität des englischen Fußballs zu geißeln. „Wir hören immer ‚Er ist nicht der Typ dafür‘ oder anderen Unsinn“, sagte der Elsässer, „aber ein Mörder muss auch nur einmal töten.“

Bezeichnenderweise wurde später nicht Taylors Attacke, sondern vor allem die emotionale Reaktion von William Gallas kritisiert. Der Arsenal-Kapitän saß nach dem 2:2-Ausgleich der Gastgeber weinend auf dem Rasen. „Das gehört sich nicht für einen Profi“, sagte BBC-Experte Alan Hanson.

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