Premier League : Die Fußball-Blase

Trotz ihrer Erfolge schreiben englische Klubs wie Manchester United rote Zahlen. Wie lange geht das gut?

Dirk Heilmann[London]
Manchester United - Tottenham Hotspur
Teure Tore. Ronaldo (Manchester United) gegen Woodgate (Tottenham).Foto: dpa

Sportlich ist alles wunderbar: Die englischen Fußballvereine dominieren die Champions League. Heute stehen sich im Halbfinale Manchester United und Arsenal London (20.45 Uhr, live bei Sat.1 und Premiere) gegenüber. Und gestern Abend spielte der FC Chelsea gegen den FC Barcelona (nach Redaktionsschluss beendet). Doch die Erfolge der Premier League überdecken eine düstere Realität: Top-Vereine haben sich so überschuldet, dass sie trotz kräftig steigender Einnahmen Verluste schreiben. Darum fordert die Politik jetzt eine grundlegende Reform mit einem Lizenzierungssystem nach dem Vorbild der Bundesliga. Damit nach der Finanzblase nicht auch noch die Fußball-Blase platzt.

„Die Finanzwelt hat im vergangenen Jahr ihre Lektion gelernt: Das alte Motto, dass man nicht reparieren soll, was nicht kaputt ist, hat hier zu katastrophalen Ergebnissen geführt“, sagt Alan Keen, der Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Fußball. Darum forderte er die Premier League und den englischen Verband FA auf, die Empfehlungen des Ausschusses diesmal ernst zu nehmen. 2004 hatten die Parlamentarier schon einmal nach einer Serie von Anhörungen eine gründliche Reform verlangt, waren jedoch auf taube Ohren gestoßen.

Unter den 27 Empfehlungen des Ausschusses bergen die zur finanziellen Stabilität den meisten Sprengstoff. Kern der Forderungen ist ein Lizenzierungssystem, wie es die Bundesliga hat. Nur Klubs, deren Ausgaben nicht dauerhaft ihre Einnahmen übersteigen, sollen in der Premier League mitspielen dürfen. In der Tat sehen die Finanzdaten der führenden englischen Vereine bei weitem nicht so gut aus, wie man angesichts der sportlichen Erfolge und der mit Abstand höchsten Fernseheinnahmen aller Ligen glauben sollte. Manchester United etwa hat 2008, als der Klub sowohl den englischen Titel als auch Champions League und Klub-WM gewann, den Umsatz um 22 Prozent auf 256 Millionen Pfund gesteigert – aber rote Zahlen geschrieben. Hauptgrund dafür sind die Zinszahlungen von 45 Millionen Pfund, die aus einem operativen Gewinn von 24 Millionen Pfund einen Vorsteuerverlust von 21 Millionen machen.

Die Schulden von rund 750 Millionen Pfund hat der neue Eigner, die Glazer-Familie aus den USA, dem zuvor fast schuldenfreien Klub bei der Übernahme 2005 aufgehalst. Das ist ein guter Teil der rund 2,5 Milliarden Pfund Schulden, die die Premier-League-Klubs nach Angaben der Wirtschaftsprüfungsfirma Deloitte insgesamt aufgehäuft haben.

Ähnlich erging es dem FC Liverpool. Die Schulden des Klubs stiegen mit der Übernahme durch die US-Investoren Tom Hicks und George Gillett von 45 auf 350 Millionen Pfund. Etwas anders ist die Lage bei Chelsea, wo Roman Abramowitsch durch ein zinsfreies Darlehen von 578 Millionen Pfund die Schuldenlast auf 736 Millionen Pfund erhöht hat. Chelsea erwirtschaftet seither Jahr für Jahr massive Verluste, weil der Kader für die Einnahmen aus dem vergleichsweise kleinen Stadion viel zu teuer ist. Insgesamt haben die englischen Profiklubs von 1996 bis 2006 nach einer Studie des Birkbeck College fast eine Milliarde Pfund verloren.

Das seien unhaltbare Zustände, rügen die Parlamentarier. Sie befürchten eine Welle von Insolvenzen englischer Klubs. Außerdem würden die hohen Schulden zu immer höheren Eintrittspreisen führen. Damit schlössen die Klubs junge und einkommensschwache Fans aus. Darum plädieren die Parlamentarier nicht nur für ein scharfes Lizenzverfahren, sondern auch für ein Verbot persönlicher Darlehen von Klubeignern. Außerdem fordern sie ein Gremium, das die Eignung von Käufern prüft, bevor sie einen Klub übernehmen dürfen. Wer den Kauf mit hohen Krediten finanzieren muss, könnte dann ausgeschlossen werden.

Darf die europäische Konkurrenz also aufatmen? So bald wohl nicht, denn der Ausschuss kann der Liga keine Vorschriften machen. Die Pleite eines Spitzenklubs könnte den Reformdruck allerdings erhöhen. Und wenn die FA auch die öffentliche Kritik des Fifa-Präsidenten Joseph Blatter ignoriert, gefährdet sie den Plan, die WM 2018 auszurichten. (HB)

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