Premier League : In Wahrheit nur der halbe Wahnsinn

U-19-Europameister Savio Nsereko fügt sich bei West Ham gut ein – auch für weniger als elf Millionen Euro.

Raphael Honigstein[London]

Savio Nsereko schaut kurz hinter sich, ob ihn jemand hört. „Ich war früher Arsenal-Fan“, sagt der 19-Jährige leise und lächelt verlegen. Seine neuen Mitspieler schlurfen zufrieden zum Mannschaftsbus. West Ham hat dem mächtigen FC Arsenal auswärts ein 0:0 abgetrotzt. Seitdem Trainer Gianfranco Zola den finanziell gebeutelten Klub im September übernommen hat, geht es wieder aufwärts. Am schnellsten kam aber Nsereko nach oben. Nach seiner ersten Hinrunde als Stammspieler beim italienischen Zweitligisten Brescia Calcio wurde der deutsche U-19-Europameister vor einer Woche von West Ham verpflichtet. Zwei Tage später wurde er beim 2:0 gegen Hull City für vier Minuten eingewechselt. Am Samstag half er 20 Minuten lang mit einer engagierten Leistung, das 0:0 zu sichern.

Noch erstaunlicher als der Karrieresprung des Teenagers muten die elf Millionen Euro Ablöse an, die laut Medienberichten an Brescia überwiesen wurden. Für Gordon Strachan, Trainer des Schottischen Meisters Celtic Glasgow, ist der Transfer ein Zeichen für die Überhitzung des englischen Marktes: „Er wird bald zusammen brechen.“ Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler bezeichnete den Deal als „Wahnsinn“. Auch dass West Hams Sportdirektor Gianluca Nani bis zum Sommer bei Brescia beschäftigt war und der Schwiegersohn von Brescias Präsident Luigi Corioni ist, machte viele stutzig.

In Wahrheit war der Wahnsinn aber doch nicht so groß. „Die Ablösesumme lag weit unter elf Millionen“, sagt Nserekos Spielerberater Patrick Bastianelli. Der Italiener will keine Zahlen nennen, doch wie der Tagesspiegel aus dem Umfeld von United erfuhr, kostete Nsereko nicht mehr als 4,5 Millionen Euro, die zudem über drei Jahre gestaffelt an Brescia gezahlt werden. „Savio wurde zum besten Spieler der Serie B gewählt und schoss in seinem letzten Spiel vor Weihnachten zwei tolle Tore“, sagt Bastianelli. „Irgendein Journalist hat seinen Marktwert auf elf Millionen geschätzt, das haben dann alle ungeprüft abgeschrieben.“ Die beiden Vereine hatten auch kein Interesse daran, den Betrag zu dementieren. Brescia durfte sich mit dem Verkauf rühmen. Und West Ham konnte nach den Milliardenverlusten des Eigentümers Bjorgolfur Gudmundsson seine Liquidität beweisen. Nsereko interessiert sich nicht für diese Nebengeräusche. „Ich bin hier hingekommen, weil ich glaube, dass Zola mich als Spieler weiterbringen wird“, sagt er. „Von so einem Gegner in so einem Stadion konnte ich vor ein paar Wochen nur träumen. Als ich hier rein kam und die vielen Leute gesehen habe, dachte ich kurz: Bin ich hier fehl am Platz?“

Berührungsängste waren ihm keine anzusehen. In der Schlussminute streckte der 1,76 Meter große Dribbler seinen riesigen Gegenspieler Abou Diaby zu Boden, der Franzose musste mit einer Oberschenkelprellung in die Kabine getragen werden. „Savio, Savio, Savio!“, riefen die mitgereisten Hammers-Fans verzückt. Am nächsten Sonntag geht Nserekos Traum weiter. Gegen Manchester United.

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