Pro & Contra : Ist das Geisterspiel für St. Pauli gerechtfertigt?

JA!

Die eigentümliche Hybris von Fußballfans besteht darin zu glauben, dass ohne sie nichts geht. Das Spiel, denken sie, das ist für sie da. Und so verhalten sie sich in den Stadien auch. Machen mächtig Lärm, lassen die Sau raus. Doch sie irren sich. Spiele brauchen keine Zuschauer. Es ist schöner, wenn welche da sind. Aber ein Spiel braucht Regeln und Spieler, die die Regeln anzuwenden wissen. Das ganze Drumherum, das Getöse auf den Rängen, die Fan-Artikel und Expertenkommentare, ist eben, was es ist: Drumherum.

Und ganz bestimmt braucht es keine Fans, die durch den Kauf einer Eintrittskarte auch das Recht erworben zu haben glauben, sich wie Vollidioten aufzuführen und Spieler oder Schiedsrichter mit Gegenständen zu bewerfen. Es ist deshalb hoffentlich heilsam, wenn das jetzt beim FC St. Pauli mal demonstriert wird. Der DFB muss nicht hinnehmen, dass sich Vereine in die finanzielle Abhängigkeit ihres Publikums begeben. Es auszuschließen, wird ihm auf sehr einfache Art vor Augen führen, dass ein Spiel ohne Publikum immer noch ein Spiel ist, aber ein Publikum ohne Spiel gar nichts.

Denn wen, wenn nicht das ganze Stadion, sollte der DFB bestrafen? Den Täter? Den Verein? Beide kommen ohnehin nicht ungeschoren davon. Aber nur die 24 000 anderen, die brüllen und sich erregen, bis die Grenzen des Anstands und der Fairness hinfällig sind, können etwas ändern. Das Millerntor galt immer als Freudenhaus der Bundesliga. Vielleicht kommt die Maßnahme genau zur rechten Zeit, damit es wieder eins wird. Kai Müller

NEIN!

In Hamburg hat ein angetrunkener Autofahrer einen Bundespolizisten geohrfeigt. Der Täter flüchtete, konnte aber identifiziert und festgenommen werden. Das Innenministerium verhängte wegen des Vorfalls einen Geistertag über die Stadt. Weil die Hamburger Behörden ihrer Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen seien und auch andere Autofahrer den Mann nicht an seiner Ohrfeige gehindert hätten, dürfe sich am kommenden Sonntag kein Auto auf den Hamburger Straßen bewegen. Zugreisenden, die bereits eine Fahrkarte haben, aber wegen des Autoverbots nicht den Bahnhof erreichen, muss die Stadt ihre Tickets erstatten.

So ein Innenministerium hätten wir wahrscheinlich, wenn der DFB in Deutschland regierte. Ein Land mit Kollektivstrafen, das die Täter willkürlich größeren Gruppen zuordnet, in denen einer ist wie der andere: schuldig. Aber was können Papa Hansen und Sohnemann Kai von der Gegentribüne dafür, dass fünfzig Meter weiter einer sein Bier lieber wirft statt trinkt? Nichts, aber zum Spiel gegen Bremen dürfen sie zur Strafe nicht. Kein Bremer Fan hat mit dem Becherwurf von St. Pauli irgend etwas zu tun, aber auch sie sind verbannt. Hunderttausende, die nullkommagarnichts mit dem Spielabbruch zu tun hatten, würden gerne ein stimmungsvolles Derby im TV sehen, sie haben zum Teil dafür bezahlt. Aber auch sie bekommen ein Geisterspiel am Heiligengeistfeld ohne jeden Grusel. Was soll der Quatsch?

Der Werfer ist gefasst und kann bestraft werden, dazu eine Geldstrafe für den Verein – das wäre angemessen. Alles andere ist geistlos. Lorenz Maroldt

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