Sport : Problem mit Perspektive

Ballacks Ausfall ist Deislers Chance in Bayerns Mittelfeld

Detlef Dresslein

München. Das sah wirklich nicht gut aus. Noch keine zwanzig Minuten waren im Münchner Olympiastadion gespielt, da hatte sich Michael Ballack, der Mittelfeldstar des FC Bayern, schon zweimal jenseits des Spielfeldes behandeln lassen müssen. Nach exakt 22 Minuten war der Arbeitseinsatz des Mittelfeldspielers mit der Nummer 13 beendet. Die Diagnose: Innenbandriss im linken Sprunggelenk.

Und während die Münchner Kollegen auch ohne Ballack locker weitermachten und der Vorstand in Person von Karl-Heinz Rummenigge bemerkte, dass „da überhaupt kein Bruch im Spiel war“, musste sich Ballack in der Kabine von Bayerns Chefmediziner Hans-Wilhelm Müller- Wohlfahrt sagen lassen, dass er wohl vierzehn Tage einen Gipsverband tragen müsse und für sechs bis sieben Wochen ausfallen werde.

Trainer Ottmar Hitzfeld nahm den vorübergehenden Verlust seines Stars nicht wirklich schwer. Zwar sagte der Fußballlehrer nach dem locker herausgespielten 3:0-Sieg gegen Bayer Leverkusen so nette Sachen wie etwa diese: „Der Michael ist der Kopf der Mannschaft.“ Oder: „Er wird uns fehlen.“ Oder: „Der Ausfall ist nicht zu kompensieren.“ Dennoch hatte Hitzfeld auch gleich reichlich pragmatische Perspektiven parat. Zum Beispiel diese hier: „Das ist jetzt auch eine Chance für andere Spieler.“

Die Gelassenheit des Ottmar Hitzfeld

Wer könnten die Spieler sein, die Ballacks bisherige Rolle bei den Bayern ausfüllen? Die Antwort lautet: Eigentlich gibt es nur einen – Sebastian Deisler. Der ehemalige Hertha-Spielmacher sollte am Sonnabend erstmals von Anfang an für den FC Bayern München mitmachen, hätte er sich nicht am Vortag eine Verhärtung im Oberschenkel zugezogen. So fiel er aber aus.

Hitzfelds relative Gelassenheit leitet sich aus der Gewissheit ab, dass bei 13 Punkten Vorsprung bei noch zehn Spielen nichts mehr passieren wird. Zumal seine Mannschaft auch nach solchen Ausfällen gekonnt weitermacht. Außerdem bleibt Ottmar Hitzfeld jetzt eine womöglich Unruhe heraufbeschwörende Diskussion zur Frage „Wer ist hier der Chef?“ erspart. Denn Deisler und Ballack zusammen, dazu noch ein Mehmet Scholl in derzeit toller Form – das hätte womöglich Ärger bedeutet. So kann Hitzfeld in aller Ruhe Deisler die Verantwortung übertragen und sich bis zum nächsten ernsthaften Spiel im Pokalfinale am 31. Mai überlegen, wie er die drei Stars zu einem hervorragenden Mittelfeld zusammenbastelt.

Die andere Seite der Geschichte ist das Gemüt von Michael Ballack. Glaubte er, der ewigen Malaise mit dem Weggang aus Leverkusen entronnen zu sein, wo er binnen wenigen Wochen erst dreimal Vize wurde, dann ein WM-Finale verpasste, in das er die Kollegen mit seinen Toren im Turnier und dem taktischen Foul im Halbfinale erst hineinbrachte. Und er dann in Yokohama zusehen musste, wie die Kollegen ebenfalls nur Zweite wurden. Aber selbst mit den Bayern schied er Monate später vorzeitig aus der Champions League aus. Nun verpasst er die Jubeltournee zum Titel wie auch das EM-Qualifikationsspiel gegen Litauen am 29. März in Nürnberg. Allerdings kann er sich damit trösten, dass er bei guter Heilung die letzten vier bis fünf Saisonspiele, das Pokalfinale in Berlin und das vorentscheidende Qualifikationsspiel in Schottland bestreiten kann. Wenn nicht wieder etwas passiert.

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