Sport : Probleme mit der Basis

Mehr als nur Sitzblockaden: Bei Hertha BSC formiert sich Widerstand gegen die Vereinspolitik

Michael Rosentritt,Ingo Schmidt-Tychsen

Berlin - Hertha BSC kämpft derzeit an vielen Fronten. Die führenden Gremien des Vereins berieten gestern über personelle Konsequenzen aus der sportlichen Krise, insbesondere über die Zukunft des Trainers. Die Beratungen dauerten bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch an. Trainer Falko Götz jedenfalls trat gestern um 16.23 Uhr aus der Geschäftsstelle, machte ein ernstes Gesicht und sprach von einem „normalen Arbeitstag“ für ihn. Er gehe davon aus, dass er im Amt bleibe und die Mannschaft auf das Spiel am Sonnabend bei Werder Bremen vorbereiten dürfe.

Unterdessen verstärkt sich der Widerstand innerhalb des Anhangs gegen die Vereinspolitik. Ein Großteil der Fans, die sonst geschlossen in der Ostkurve im Olympiastadion sitzen, hatte sich am vergangenen Samstag im Spiel gegen den 1. FC Köln (2:4) für einen minutenlangen Boykott entschieden. Erst eine Viertelstunde nach dem Anpfiff nahm dieser Teil der Fans Platz im Olympiastadion. Manager Dieter Hoeneß hatte am Tag danach von einer kleinen Gruppe der Fans gesprochen, die „eine Stimmung verbreitet, die mit der Gesamtsituation nichts zu tun hat“. Laut Hoeneß hätte derjenige, der am Samstag genau hingehört hat, vernommen, „dass die Fans, die im Block geblieben sind, die anderen ausgepfiffen haben, als sie zurückgekommen sind“.

Der von über 360 Fanklubs gewählte Fanvertreter Bernd Küster widerspricht der Darstellung des Managers. Die Anhänger, die draußen gewartet hatten, hätten ihren Unmut über die anderen kundgetan. Dem Boykott hatten unter der Woche dreißig Fanklubs zugestimmt, von denen dann jedoch nicht alle teilnahmen. „Wir wollten damit auf gewisse Missstände aufmerksam machen“, sagt Küster.

Unter anderem verärgert die Anhänger, dass sie nicht alle ihre kritischen Plakate mit ins Stadion nehmen dürfen. „Wir haben doch das Recht auf freie Meinungsäußerung“, sagt ein Anhänger. Im Normalfall müssen die Fans ihre Spruchbänder bis um 12 Uhr des Vortages eines Spiels bei den Fanbetreuern des Klubs anmelden. „Persönlich beleidigende Inhalte werden nicht zugelassen“, sagt Fanbetreuer Steffen Wirth. Die Definition dessen „behält sich die Vereinsführung vor“, sagt er.

Ein Fan und Hertha-Mitglied erzählt, dass ein Plakat mit der Aufschrift „Hoeneß’ Fehler legendär - Schuld sind andere, niemals er“ nicht zugelassen wurde. Wirth widerspricht dieser Version: „Das wurde nie versucht anzumelden“, sagt er. Andere Transparente mit kritischem Inhalt, wie: „Vereinsführung & Management: Krise nur sportlich? Ihr seid die wahre Krise“ oder „Alarmstufe Rot - Hertha in Not“ waren vor den Stadiontoren abgefangen worden. Zudem war eine Vielzahl von „Hoeneß-raus“-Schals von Ordnern konfisziert, später aber wieder freigegeben worden. Ein „Vorstand-raus“-Plakat sollte einkassiert werden, das aber gelang den Ordnern nicht. Zur Begründung hieß es von den Ordnern: „Vom Verein nicht erwünscht.“

Mit der Basisdemokratie tut sich Hertha dieser Tage besonders schwer. Das Problem aber zieht sich hoch bis in die Vereinsspitze. Erst jüngst wurden von besorgten Vereinsmitgliedern Anträge zur Satzungsänderung gestellt. Denn innerhalb des Vereins beziehungsweise der Hertha Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) bekleiden zum Teil gleiche Personen mehrere Ämter. So sind beispielsweise Personen des Vereinspräsidiums im Beteiligungausschuss und im Aufsichtsrat der Kommanditgesellschaft sowie Personen des Aufsichtsrates des Vereins im Beteiligungsausschuss und im Aufsichtsrat der Kommanditgesellschaft vertreten.

Der Beteiligungsausschuss zählt 14 Mitglieder, bestehend aus dem sechsköpfigen Aufsichtsrat, den vier Präsidiumsmitgliedern sowie vier von den Mitgliedern gewählten Personen. Kritische Mitglieder sprechen daher von einer Ämterverquickung. Für Fans und selbst Mitgliedern ein nur schwer überschaubares Geflecht, denn die Kontrolleure des einen Gremiums sitzen in anderen Gremien gemeinsam mit denen, die gegebenfalls für ihre Abberufung zuständig wären. Eine solche Ämterhäufung kann zumindest theoretisch zu Interessenkonflikten oder zu beeinträchtigter Aufsicht führen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar