Profifußball : Blick in den Abgrund

Zocken, Sex, Schieberei: Der frühere Profi René Schnitzler zeigt in seinem Buch die dunkle Seite des Fußballs.

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Möchtegern-Superman René Schnitzler machte nur ein Erstliga-Spiel, führte aber das Leben eines Weltstars. Am Ende hatte er 150 000 Euro Schulden.
Möchtegern-Superman René Schnitzler machte nur ein Erstliga-Spiel, führte aber das Leben eines Weltstars. Am Ende hatte er 150 000...Foto: picture-alliance/ dpa

Klappentexte von Büchern sind in etwa so glaubhaft wie Liebesversprechungen von Prostituierten. Ein bisschen Übertreibung gehört zum Geschäft, und auch auf dem Einband von „Zockerliga. Ein Profi packt aus“, der Geschichte des früheren Fußballers René Schnitzler, ist von Understatement wenig zu merken. Als „eine krasse Geschichte von schnellen Autos, hohen Schulden und fiesen Wettmafiosi“ wird das Buch angepriesen, „explosiv und dramatisch“. Wenn man das Buch dann aufschlägt, scheint es in diesem Ton weiterzugehen. „Einer der begabtesten Spieler der letzten Jahre“ sei Schnitzler gewesen, heißt es schon im Vorwort. Das ist doch eine etwas verzerrte Deutung seiner Fähigkeiten – und auch deshalb ärgerlich, weil das Buch derartige Übertreibungen gar nicht nötig hat. „Zockerliga“ ist, unabhängig von Schnitzlers Verbindung zur Wettmafia, in der Tat explosiv und dramatisch – vorausgesetzt die beiden Journalisten Wigbert Löer und Rainer Schäfer sind keinem Aufschneider aufgesessen. Nie zuvor hat man einen derart intimen Blick in die Innenwelt des Profifußballs werfen dürfen: in eine Parallelgesellschaft, die von Geld getrieben und von Testosteron gesteuert wird.

René Schnitzler, 1985 geboren, wuchtiger Stürmer und U-20-Nationalspieler, ist in dieser Welt eine kleine Nummer geblieben – und gerade deshalb ein Prototyp, der den Verlockungen und Verwerfungen nicht hat standhalten können. Auf dem Fußballplatz ist Schnitzler immer unter seinen Möglichkeiten geblieben. Ein Bundesligaspiel hat er bestritten, dazu 33 Partien für den FC St. Pauli in der Zweiten Liga. Neben dem Platz aber hat er das Leben als Profi bis zum Exzess ausgekostet. 150 000 Euro sind ihm nach seiner bescheidenen Karriere geblieben. 150 000 Euro Schulden.

Bei seinem Wechsel zum Zweitligisten St. Pauli ist Schnitzler gerade 22, er kommt aus der zweiten Mannschaft von Borussia Mönchengladbach, doch als er bei einer Bank um die Ecke ein Konto eröffnen will, wird er gleich zur Vip-Kunden-Betreuung in einer Filiale an der Elbe weitergeleitet. Er bekommt zwei goldene Kreditkarten, seinen Überziehungskredit setzt man auf 20 000 Euro; als Schnitzler später schon den Überblick über seine Finanzen verloren hat, erhöht die Bank seinen Dispo ohne größere Probleme auf 50 000 Euro.

Zu diesem Zeitpunkt läuft Schnitzlers Karriere als Fußballer quasi nur noch nebenher. Seine Zeit verbringt er mit Glücksspielen und Sportwetten. Schnitzler ist spielsüchtig, so sehr, dass der Entzug bei ihm sogar körperliche Ausfallerscheinungen zur Folge hat. Es ist allein die Angst vor dem Gefängnis, die ihn schließlich zur Besinnung zwingt. Eine Nacht verbringt er in einer Einzelzelle, nachdem er im Zusammenhang mit dem Wettskandal als Beschuldigter vernommen worden ist. Schnitzler hat Geld kassiert, um Fußballspiele zu manipulieren, seinen Angaben zufolge jedoch nie die dafür gewünschte Gegenleistung erbracht.

Lesen Sie mehr über das "System Fußball" im zweiten Teil.

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