Sport : Prognose: wechselhaft

Brasilien spielt inkonstant – und unberechenbar

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Kurz vor Schluss erlebte wenigstens ein Brasilianer noch einen letzten intensiven Energieschub. Alessandro Santos spurtete zur Eckfahne, nahm den Ball und legte ihn in den Viertelkreis. Santos trägt den Künstlernamen Alex auf seinem Trikot. Es ist das Trikot der japanischen FußballNationalmannschaft, und das erklärte den finalen Eifer des gebürtigen Brasilianers, der seit 2001 die japanische Staatsangehörigkeit besitzt. Seine ehemaligen Landsleute hatten es nicht ganz so eilig. Ronaldinho trottete ganz gemütlich zur Eckfahne, Robinho schlich hinter ihm her, das Kölner Publikum pfiff: So schnell wendet sich generelle Sympathie für die brasilianische Künstlergruppe in Antipathie für profane Ergebnisschinderei. Am Ende brachte der Weltmeister das 2:2 über die Zeit und qualifizierte sich damit mühsam für das Halbfinale des Confed-Cups am Samstag gegen Deutschland.

„Wir sind alle sehr müde“, sagte Brasiliens Verteidiger Lucio. „Wir müssen uns jetzt ausruhen.“ Im Grunde hatte seine Mannschaft schon das Spiel gegen Japan zur aktiven Erholung genutzt: Ein Unentschieden brauchten die Brasilianer, um das Halbfinale des Confed-Cups zu erreichen – ein Unentschieden holten sie. Beeindruckend effizient nutzten sie dabei ihre Ressourcen. Beispielhaft war Robinhos Tor zum 1:0, das einer Ecke für die Japaner entsprang. Der Ball wurde abgewehrt, Ronaldinho gewann einen Zweikampf an der Mittellinie – diese Aktion genügte, um in der Offensive die entscheidende Überzahlsituation herzustellen.

Bei der 0:1-Niederlage gegen Mexiko hatte sich der Weltmeister noch in nutzloser Kleinkunst verloren, gegen Japan erlaubte er sich nur wenige Spielereien. Einmal stürmte Robinho auf seinen Gegenspieler zu und legte den Ball mit der Hacke an ihm vorbei. Viel typischer für das Spiel des Weltmeisters aber war die Phase unmittelbar vor der Pause. Minutenlang verwalteten die Brasilianer den Ball diesseits der Mittellinie, ohne dem Gegner irgendeine Chance zu geben, sich an der Spielgestaltung zu beteiligen.

„Die Japaner sind sehr viel gelaufen“, sagte Ronaldinho. „Damit hatten wir große Schwierigkeiten.“ Mehrmals nutzte der Asienmeister die traditionelle Abneigung der Brasilianer gegen Defensivarbeit und kam dadurch zu guten Chancen. In der Regel können sich die Brasilianer solche Nachlässigkeiten erlauben, weil sie über genügend Klasse verfügen, um noch einmal zu reagieren. So traf Ronaldinho nur fünf Minuten nach Nakamuras Ausgleich schon wieder zum 2:1. Trotzdem wäre die Strategie der Brasilianer beinahe schief gegangen, wenn Masashi Oguro in der zweiten Minute der Nachspielzeit den Ball aus drei Meter Entfernung an Torhüter Marcos vorbei ins Tor geköpft hätte.

Eine Niederlage und das Aus in der Vorrunde wären für die Brasilianer der größte anzunehmende Unfall gewesen. Doch auch so nimmt sich die aktuelle Bilanz für ihre Verhältnisse untypisch aus: Von den letzten vier Spielen hat die Mannschaft nur eins gewonnen. „Meine Spieler sind erschöpft“, sagte Nationaltrainer Carlos Alberto Parreira. Seit fast vier Wochen ist die Mannschaft nun zusammen. Der Ligasaison folgten die WM-Qualifikationsspiele gegen Paraguay und Argentinien, anschließend die Reise nach Europa und der Confed-Cup.

Parreira hat versucht, die Belastungen möglichst gleichmäßig auf seinen Kader zu verteilen und dabei noch ein paar Kandidaten unter Wettbewerbsbedingungen zu erproben. Gegen Japan schonte er vier Stammkräfte und sprach trotzdem von „einem kalkulierbaren Risiko“. Allerdings haben sich die Prioritäten vor dem Halbfinale ein bisschen verschoben. „Es gibt keine Experimente mehr“, sagte Parreira. „Wir werden versuchen, das Turnier zu gewinnen.“ Man muss den Brasilianern wohl zutrauen, dass sie aller Erschöpfung zum Trotz dazu in der Lage sind. Deutschlands Stürmer Kevin Kuranyi jedenfalls hat im Hinblick auf das Halbfinale gesagt: „Auch wenn die Brasilianer sehr wechselhaft gespielt haben – man muss nicht denken, dass wir die im Vorübergehen schlagen.“ Nein, das sollte man wirklich nicht.

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