Sport : Projekt 18

Die Europameisterschaft wird geprägt von jungen Spielern auf dem Platz – und alten auf der Bank

Stefan Hermanns[Lissabon]

Arjen Robben sagte nichts, er lächelte nur. Wie es denn sei, auf einmal der Gegenstand einer nationalen Diskussion zu sein, war der Stürmer der holländischen Nationalmannschaft gefragt worden. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, berühmt zu werden. Arjen Robben, 20 Jahre alt, ist durch eine Auswechslung berühmt geworden, die in Holland inzwischen als „Wechsel des Jahrhunderts“ bezeichnet wird. Gegen Tschechien musste der Linksaußen nach knapp einer Stunde vom Platz, Holland führte 2:1, verlor allerdings am Ende 2:3 – weil Bondscoach Dick Advocaat Robben vom Feld geholt hatte. „Wir wechseln einen 20-Jährigen aus, der gerade fünf Länderspiele bestritten hat, und schon bricht die Mannschaft zusammen“, sagte Hollands Kotrainer Wim van Hanegem. „Das kann doch nicht sein.“

Aber Robben ist kein Einzelfall. Noch nie haben sich bei einem großen Turnier so viele junge Spieler in den Vordergrund gespielt wie bei dieser Europameisterschaft in Portugal. „Es ist fantastisch, dass ich schon in diesem Alter an einem solchen Turnier teilnehmen darf“, sagt Robben noch etwas ungläubig. Dabei geht es längst nicht mehr ums Teilnehmen; auffallend ist, wie viele junge Spieler in ihren Mannschaften bereits Schlüsselpositionen besetzen.

Lothar Matthäus, der spätere Weltklassefußballer, hat 1980 auch mit 19 Jahren bei einer Europameisterschaft sein erstes Länderspiel für die deutsche Nationalmannschaft bestritten. In der Vorrundenbegegnung gegen Holland wurde er 18 Minuten vor dem Schlusspfiff beim Stand von 3:0 eingewechselt. Anschließend musste Matthäus fast anderthalb Jahre auf seinen zweiten Länderspieleinsatz warten.

Heutzutage verlaufen die Karrieren viel rasanter. Der Engländer Wayne Rooney war mit 18 Jahren der jüngste Spieler, der je bei einer EM-Endrunde ein Tor erzielt hatte. Vier Tage später traf Johan Vonlanthen für die Schweiz zum 1:1 gegen Frankreich und nahm Rooney den Rekord wieder ab. Milan Baros, mit fünf Treffern für Tschechien der Führende der Torschützenliste, ist auch erst 22 Jahre alt (siehe dazu Artikel auf Seite 21). Und beim ersten siegreichen Elfmeterschießen der holländischen Fußballgeschichte trafen die beiden 20-Jährigen, Arjen Robben und Johnny Heitinga, für ihre Mannschaft. Warum er denn geschossen habe, wurde Heitinga gefragt. „Warum nicht?“, antwortete er.

„Die jungen Spieler sind sehr überzeugt von ihrem Weg“, sagt Hollands Trainer Advocaat. „Das finde ich positiv.“ Wayne Rooney, gerade einmal 18 Jahre alt, wurde von der „Times“ als „der neue Pele von England“ bezeichnet. In drei Spielen schoss er vier Tore, und sein Trainer Sven-Göran Eriksson sagte nach dem Sieg gegen Kroatien: „Ich erinnere mich an niemanden, der einem Turnier so den Stempel aufdrücken konnte seit Pele bei der Weltmeisterschaft 1958.“ Der Brasilianer war damals als 17-Jähriger Weltmeister geworden. England aber schied im Viertelfinale gegen Portugal aus, nachdem Rooney wegen einer Verletzung schon in der ersten Halbzeit ausgewechselt werden musste. Es war erstaunlich und erschreckend zugleich, in welch hohem Maße das Spiel der Engländer schon von einem 18-Jährigen abhängt.

Der Aufstieg der Jugend bei diesem Turnier geht einher mit einem Überdruss an den alten Gesichtern. In Zeiten, in denen Fußballer zu Popstars emporgehoben werden, verlangt das Publikum offensichtlich in immer kürzeren Abständen nach neuen Helden. Köbi Kuhn, der Schweizer Nationaltrainer, zum Beispiel ist heftig dafür kritisiert worden, viel zu lange an Stéphane Chapuisat festgehalten zu haben. Erst im letzten Gruppenspiel ließ er den 34-Jährigen auf der Bank sitzen und brachte Vonlanthen, der zuvor ein einziges Länderspiel bestritten hatte. Auch Rudi Völler musste sich immer wieder fragen lassen, warum er Lukas Podolski – auch er erst 19 Jahre alt – keine Chance gebe.

Am auffälligsten ist der Generationswechsel beim erfolgreich aufspielenden Gastgeber Portugal abgelaufen. Die Europameisterschaft wurde als die letzte Chance der so genannten Goldenen Generation bezeichnet, doch noch einen Titel zu holen. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass diese Generation der alten Stars ihre letzte Chance gar nicht mehr bekommt. Fernando Couto, im ersten Gruppenspiel gegen Griechenland Kapitän, sitzt nur noch auf der Bank, genauso ergeht es Rui Costa. Und Luis Figo, der prominenteste Vertreter des portugiesischen Establishments, wurde von Nationaltrainer Felipe Scolari im Viertelfinale gegen England öffentlichkeitswirksam vom Feld geholt. Für ihn kam Helder Postiga. Kurz darauf erzielte der 21-Jährige den 1:1-Ausgleich.

Der schlechte Ruf, den Trainer Dick Advocaat in Holland besitzt, hängt zum großen Teil mit seiner konservativen Personalpolitik zusammen. Nach Ansicht vieler seiner Landsleute hat er viel zu lange an den viel zu alten Spielern festgehalten, die schon viel zu viele Chancen verpasst haben. Umso glücklicher war das Publikum, als im letzten EM-Qualifikationsspiel gegen Schottland bereits die nächste Generation auflaufen durfte und entscheidend am 6:0-Sieg mitwirkte. Wesley Sneijder, damals 19 Jahre jung, erzielte ein Tor und bereitete drei vor. Bei der Europameisterschaft aber spielt Clarence Seedorf auf seiner Position. Im Viertelfinale gegen die Schweden habe er Seedorf von seinem Platz auf der Ersatzbank genau beobachtet, berichtete Sneijder. Überragend sei Seedorf gewesen. Holland gewann, und am Tag danach fragte ein Fernsehsender, ob Wesley Sneijder im Halbfinale trotzdem von Beginn an spielen müsse. 76 Prozent sagten ja.

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