Sport : Protokoll einer Tragödie

Die letzten Stunden des Marco Pantani waren geprägt von tiefer Verzweiflung und leiser Hoffnung

Vincenzo Delle Donne

Rimini. Die letzten Tage und Stunden vor seinem Tod war Marco Pantani zerrissen zwischen grenzloser Enttäuschung und der leisen Hoffnung, neu anfangen zu können. Seine letzten Gedanken hat der Radprofi kurz vor seinem Tod im fünften Stock des Hotels „Le Rose“ förmlich dahingekritzelt – auf den Briefkopf des Hotels. Der Wortlaut der Aufzeichnungen kam nun an die Öffentlichkeit. „Ich bin allein“, schrieb der 34-Jährige auf ein Blatt Papier. Pantani vermisste seine dänische Freundin Kristine, von der er sich wieder einmal getrennt hatte. „Die Tristesse ist groß ohne dich, die Entfernung unmöglich“, schrieb Pantani an Kristine. Pantanis Resignation und sein Gefühl von Einsamkeit drücken sich auch in den Zeilen aus: „Niemand hat mich verstanden. Weder die Radsportwelt noch meine Familie.“

Andererseits offenbarte Pantani den festen Willen, sich von Drogen abzuwenden und wieder mit dem Radsport zu beginnen. „Ich will wieder Radrennen bestreiten“, schrieb er auf ein anderes Blatt. „Ich möchte in Bolivien eine Entziehungskur machen. Ich möchte mit dieser Drogenwelt Schluss machen.“ Welche Drogen er meinte, kann man nur erahnen. Beobachter, die ihn gut kennen, reden von Alkohol, Kokain und Tabletten. Die Staatsanwaltschaft hatte ihn zudem unter Dopingverdacht. Pantani fühlte sich als Opfer. „Es ist alles ein Komplott. Alle wissen, wie es im Radsport zugeht, aber sie haben nur mich treffen wollen“, schrieb er.

Als Marco Pantani am 9. Februar in dem Hotel abstieg, machte er auf das Personal einen niedergeschlagenen Eindruck. Pantani war gerade aus Mailand gekommen, wo er seine Managerin besucht hatte. Angeblich wurden bei dem Gespräch auch Pläne über ein Comeback angesprochen. In seinem Apartment mit Blick aufs Meer hatte er sich dann verbarrikadiert. Ausgerechnet in Rimini hatte er sich früher regelmäßig ins Nachtleben gestürzt.

Warum er nicht sofort in sein Haus im nahe Cesenatico gefahren ist, bleibt ein Rätsel. Die Nacht zum Samstag war für ihn wohl furchtbar. Gegen 20 Uhr rief er den Portier an und bestellte drei Aprikosensäfte und ein Schinkenomelett. Die erste richtige Mahlzeit seit seiner Ankunft. Weil es ein Schinkenomelett im Hotel nicht gab, bestellte der Portier das Essen in einem benachbarten Restaurant. Der Besitzer des Restaurants ließ es sich nicht nehmen, Pantani selbst das Omelett zu servieren. Er habe von Pantani kein Geld verlangt, sagte der Restaurantchef. Ein niedergeschlagener Pantani quittierte die Gratislieferung mit einem Schulterklopfen.

Nach einer vermutlich sehr unruhigen Nacht erhoffte sich Pantani am Samstagmorgen moralische Unterstützung. Allerdings geriet er dabei an die falsche Person. Der berühmte Radprofi fragte eine Putzfrau, wie sie ihn, den Giro- und Tour-de-France-Sieger, finde. Doch die Putzfrau kam aus der Ukraine, für sie klang diese Frage seltsam. Also antwortete sie schroff: „Ich kenne Sie nicht.“ Am Nachmittag drang großer Lärm aus Pantanis Zimmer. Der aufgeschreckte Portier Pietro Bucellato rief in Pantanis Zimmer an. Der Profi antwortete erbost: „Kann man denn nicht einmal seine Ruhe haben?“ Gegen 19 Uhr schaute der Portier selber nach. „Ich musste alle Möbel wegschieben, die Pantani hinter der Tür aufgetürmt hatte“, sagte Bucellato. „Im Zimmer herrschte ein heilloses Durcheinander. Auf dem Nachttisch lagen Tablettenschachteln.“ Pantani lag mit nacktem Oberkörper seitlich liegend auf dem Boden, als sei er vom Bett gefallen.

Pfarrer Don Pierini Gelmini, der in Terni, in Umbrien, das Drogenentzugszentrum „Incontro di Amelia“ gegründet hatte, wollte Pantani in eine Drogen-Entzugsgemeinschaft nach Bolivien vermitteln. Auf diese Idee war er mit dem italienischen Radstar Mario Cipollini gekommen. Pantani sollte sich zudem in den nächsten Tagen mit dem früheren Fußballstar Maradona treffen, der auch an seiner Kokainsucht zerbrochen war und der sich gerade in Bologna aufhält. Beide hatten sich im vergangenen Herbst in Kuba kennen gelernt. „Wir hatten verabredet, uns in Italien zu treffen“, sagte Maradona der „Gazzetta dello Sport“. Und dann fügte Maradona fassungslos hinzu: „Wie kann Gott zulassen, dass solche Sachen passieren?“

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