Sport : Prozess ohne Gewicht

Die Formel 1 droht BAR – mehr aber nicht

Karin Sturm

Berlin - „Wer vorsätzlich betrügt, muss mit WM-Ausschluss rechnen“, sagt Max Mosley. Der Engländer ist Chef des Automobil-Weltverbands Fia, und seine starken Worte sollen demonstrieren, dass es auch im Milliardengeschäft Formel 1 so etwas Ähnliches wie einen Ehrenkodex gibt. Aber gibt es den wirklich?

Der Reihe nach: Nach dem Großen Preis von San Marino am Wochenende waren Unregelmäßigkeiten am Auto des BAR-Honda-Piloten Jenson Button aufgetreten. Der Wagen des Drittplatzierten wog im Ziel 606 Kilo – nach dem Abpumpen der restlichen Spritmenge aber nur noch 594 – sechs Kilo unter dem vorgeschriebenen Mindestgewicht von 600 Kilogramm. Die Rennkommissare der Fia hegten nun den Verdacht, dass das Auto auch während des Rennens, zumindest kurz vor den Boxenstopps zum Nachtanken, zu leicht gewesen sein könnte. Doch die BAR-Teamverantwortlichen konnten anhand von Datenaufzeichnungen die Sportkommissare überzeugen, dass das Auto zu jedem Zeitpunkt des Rennens im Gewichtslimit gewesen sei – und nur das verlangt das Reglement. Auch der Verdacht, dass BAR einen regelwidrigen Zusatztank benutzt hat, um Boxenstopps länger hinauszuzögern und sich dadurch einen Vorteil zu verschaffen, konnte nicht eindeutig bewiesen werden. Die Kommissare der Fia entschieden deshalb: Freispruch aus Mangel an Beweisen. Nun hat die Fia-Führung Berufung gegen die Entscheidung ihrer eigenen Kommissare angekündigt. Sie wird am 4. Mai in Paris verhandelt. Im schlimmsten Fall droht BAR der WM-Ausschluss.

Letztmalig wurde 1984 ein Team disqualifiziert. Tyrrell hatte bei den letzten Boxenstopps vor dem Ziel Bleikugeln in den Benzintank geschüttet, damit das Auto wieder das vorgeschriebene Gewicht erhielt. Ohne Bestrafung kam 1994 Michael Schumachers damaliges Team Benetton davon, als bekannt wurde, dass in den Autos die verbotene Traktionskontrolle eingebaut war. Doch die Teamführung behauptete einfach, die elektronische Hilfe sei nicht aktiviert worden – selbst eigens eingesetzte Helikopter mit Kameras konnten nicht das Gegenteil beweisen. Auch im Fall BAR ist trotz anders lautender Ankündigungen nicht mit einer harten Bestrafung zu rechnen. Die ohnehin unter chronischem Teilnehmermangel leidende Formel 1 könnte sich den Verlust eines weiteren Rennstalls gar nicht leisten. Das weiß auch Max Mosley.

Warum dann aber dieses Theater mit dem Prozess? Einer der Gründe ist sicher, dass Fia-Präsident Mosley eine Retourkutsche gegen Honda fahren will. Die Japaner haben sich zuletzt im Machtkampf um die Führungsrolle in der Formel 1 eindeutig auf Seiten der Hersteller mit Mercedes, BMW und Renault gestellt, und das hat Mosley überhaupt nicht gefallen. Außerdem will die Fia-Spitze wohl auch andere Teams abschrecken, ähnliche Spielchen zu betreiben wie BAR. Denn mit der Frage der Gewichtsreduzierung in der Grauzone dürften sich auch ganz andere Teams befasst haben. Keines der heutigen Autos wiegt ohne Zusatzgewichte die vorgeschriebenen 600 Kilogramm, normalerweise wird der Wert dann durch kleine Bleiplatten erreicht, die man dort anbringt, wo es für die Balance des Autos am günstigsten ist.

Verdächtigungen bezüglich des Gewichts gibt es immer wieder, zum Beispiel gegen Ferrari und Renault. Gezielt untersucht wurde bisher allerdings kein Team. Vielleicht erhofft sich die Fia, durch den jetzigen juristischen Wirbel die Gewichtstricksereien wenigstens für eine gewisse Zeit zu reduzieren. Getreu dem Motto: Auch bei einem Freispruch ist das Image des Beschuldigten beschädigt.

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