• Prügel für den Schiedsrichter Was die Bundesligaprofis im Amateurfußball anrichten

Sport : Prügel für den Schiedsrichter Was die Bundesligaprofis im Amateurfußball anrichten

André Görke

Sonntagnachmittag in Marzahn, ein Fußballspiel in der Kreisliga E: Auf dem Platz kommt es zu einer Schlägerei, der Schiedsrichter steht mittendrin – und bricht das Spiel ab. Die Polizei muss mit Mannschaftswagen auf dem Sportplatz anrücken. Alltag im Amateurfußball.

„Wenn es bei uns knallt, dann knallt es richtig“, sagt Gerd Liesegang vom Anti-Gewalt-Projekt des Berliner Fußball-Verbands (BFV). „Die Spieler prügeln sich, der Schiedsrichter soll schlichten – und droht dann selbst im Krankenhaus zu landen.“ So mussten in der vergangenen Saison 101 Spiele abgesagt werden – allein in Berlin. Das ist Rekord. Liesegang sagt: „Die Fußballprofis in der Bundesliga wissen nicht, was sie mit ihren Attacken auf den Schiedsrichter bei uns anrichten.“

Samstags wird in der Bundesliga gespielt, sonntags geht es auf den normalen Sportplätzen hoch her. „Die Spieler gucken ja alle die Sportschau“, sagt Liesegang. Folge: Angriffe auf Schiedsrichter werden scheinbar legalisiert – weil Profis Vorbilder sind. Der nächste Schritt ist dann nicht weit. Statt um den Ball wird im Amateurbereich immer öfter mit Fäusten und Messern gekämpft.

Warum tut sich ein Schiedsrichter so etwas an? Pfeift er ein Spiel in der Kreisliga, erhält er 13 Euro – das BVG-Ticket muss er selbst zahlen. Sogar in der Verbandsliga, der höchsten Berliner Spielklasse, gibt es gerade einmal 26 Euro. Schiedsrichter erhalten in der Bundesliga 3000 Euro pro Spiel. Gerhard Müller vom Berliner Schiedsrichterausschuss sagt: „Wir müssen dringend den Anreiz für junge Schiedsrichter erhöhen. Wir haben große Probleme, sie zu halten. Immer mehr verlieren die Lust.“

Der Job des Schiedsrichters ist gefährlich. 1100 sind beim BFV gemeldet – jedes Wochenende aber finden allein in Berlin 1600 Fußballspiele statt. Liesegang sagt: „Wer pfeifen kann, wird auf die Menschheit losgelassen.“ Dann werden junge Schiedsrichter allein durch die Stadt geschickt, um sich von den Eltern beleidigen zu lassen. Das Mindestalter, um zur Prüfung zugelassen zu werden, liegt bei 14 Jahren. Drei Tage dauert die Ausbildung. Ab 17 Jahren darf ein Schiedsrichter ein Spiel im Herrenbereich leiten. „Wer in der Kreisliga pfeift, gehört nicht zu den besten. Dort werden Schiedsrichter aber getestet“, sagt Liesegang. Wer die Probe ohne Prügel überstanden hat, kann aufsteigen – wenn er noch Lust hat. In diesem Jahr hat der BFV mehr als 200 Schiedsrichter verloren.

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