Sport : Prügeln für die Rente

Sven Ottke kann es nicht lassen – heute boxt er in Nürnberg

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Berlin (Tsp). Es gehört zu den Eigenwilligkeiten des Profiboxens, dass sich die Hauptdarsteller ganz besondere Kampfnamen verpassen. Das Angebot reicht von „The Blade“ (Die Klinge) über „Bonecrusher“ (Knochenbrecher) bis hin zu „The Warrior“ (Der Krieger). Die meisten Kampfnamen sind albern, nur ganz wenige zeugen von einer gewissen Originalität. Heute Abend werden sich in Nürnberg der „Sensenmann“ und „Das Phantom“ gegenüberstehen. Der „GrimReaper“ Robin Reid aus England fordert den Doppel-Weltmeister im Supermittelgewicht, Sven Ottke, heraus. In die Wirklichkeit des Boxrings übertragen hieße es: in der einen Ecke der fürchterliche Haudrauf, in der anderen der Flitzer, der nicht zu fassen ist. Merkwürdig, denn von der Art zu boxen, ähneln sich beide Kämpfer.

Auf der einen Seite hätten wir Sven Ottke, einen der erfahrensten und besten Boxer Deutschlands. Der 36-jährige Berliner wird in Nürnberg zum 20. Mal seine WM-Titel der Boxverbände IBF und WBA verteidigen. Als Profi ist er bislang ungeschlagen, und jetzt hat er sogar das für das Jahresende geplante Karriereende noch einmal verschoben. Solange er körperlich fit sei, gebe es keinen Grund aufzuhören. „Ich bin unabhängig, ich habe vorgesorgt. Ich habe alles, was ich brauche“, sagt Ottke, Vater zweier Kinder, „ich boxe jetzt nur noch für die Rente“.

Genau darin liegt die Gefahr für ihn. Denn das unterscheidet beide Gegner voneinander. „Ottke ist schon Millionär, ich will es noch werden“, sagt Reid. Der 32 Jahre alte Herausforderer, der sich seit Anfang Oktober in Manchester vorbereitet hat, ist hungrig. „Ich halte Ottke für einen ausgezeichneten Boxer, doch das ist Vergangenheit. Meine Zeit ist gekommen.“ Reid könnte Ottke tatsächlich gefährlich werden. Ähnlich wie der Berliner ist Reid ein sehr gut ausgebildeter Amateurboxer. 1992 gewann er Olympiabronze, und zwischen 1996 und 1997 war Reid schon einmal bei den Profis WBC-Weltmeister. „Reid ist ein ganz schlauer Boxer. Er ist wie Svennie ein brillanter Techniker und hat ein Näschen für die jeweilige Befindlichkeit seines Gegners“, sagt Ottkes Trainer Ulli Wegner. „Er weiß zu täuschen.“ Wegner ahnt, worauf es ankommen wird. „Ich werde Sven ermahnen müssen, nicht leichtsinnig zu werden, auch wenn es vermeintlich gut für ihn läuft. Dieser Reid ist bis zum Schluss gefährlich.“

Vieles spricht dafür, dass der Kampf über die volle Distanz von zwölf Runden geht. „Ottke wird nicht die Kraft haben, Robin zu stoppen. Aber Sven wird sehr clever handeln und deshalb wenige harte Treffer einstecken“, sagt Reids Promoter Jess Harding.

Seit fünf Jahren dominiert Ottke seine Gewichtsklasse. 1998 wurde er IBF-Weltmeister, im März dieses Jahres gewann er auch noch den WBA-Titel. Viel mehr geht nicht. Den WBC-Titel trägt jetzt sein Stallkollege Markus Beyer. Gegen den wird Ottke nicht antreten. Also sagte Reid zu Ottke: „Sven, genieße endlich dein Geld und dein Familienleben.“ Das war ehrlicher und zutreffender als alle Kampfnamen.

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