Sport : Psychologe statt Polterer

Helen Ruwald

Der erste Eintrag kam kurz nach Mitternacht, tagsüber steigerte sich das Gemecker über Trainer Emir Mutapcic. "Mucki kann das Team einfach nicht mehr motivieren. Was in dieser Saison abläuft, geht auf keine Kuhhaut", schimpfte ein gewisser Stefan12 auf der Homepage von Alba Berlin, nachdem der Noch-Meister beim 72:77 gegen Würzburg vor zweieinhalb Wochen seinen eigenen Niedergang vorangetrieben hatte. "Mist, ich mag Mucki, aber er scheint mir mit der Situation überfordert", jammerte jemand namens Friese im Fanforum, das zum Kummerkasten der von fünf Titeln in Folge verwöhnten Anhänger mutiert ist.

Ausgesprochen dürftig ist es, was der Tabellenfünfte in der Bundesliga mit wenigen Ausnahmen seit Saisonbeginn geboten hat. Das Euroleaguespiel heute gegen Unicaja Malaga (20.30 Uhr, Max-Schmeling-Halle) ist bedeutungslos, die Zwischenrunde verpasst. Viele Verletzte über Monate hinweg, erstarkte nationale Konkurrenz und eine extrem schwere Gruppe in der Euroleague erklären nur ein Stück weit, warum nichts mehr ist, wie es einst war. Nach den Trauerspielen blickt Mutapcic bei der Pressekonferenz scheinbar ratlos und deprimiert auf die wenig erbauliche Spielstatistik. Seit Monaten fordert der Trainer "Kampf, Einstellung und Aggressivität". Als könne er diese bisweilen arg rudimentären Tugenden herbeireden, wiederholt er sich wieder und wieder. Hilflos? Ratlos?

"Die Trainerfrage ist keine", sagt Vizepräsident Marco Baldi. "Dass in schweren Zeiten der Ruf nach einem Messias laut wird, ist normal." Die Trainerarbeit sei jedoch nicht an vier, fünf Spielen festzumachen, "da hängt unser ganzes Nachwuchsprogramm dran. Mutapcic ist dafür prädestiniert." Er spielte selbst für Alba, ehe er Kotrainer von Svetislav Pesic wurde und sieben Jahre lang Albas Talente bei TuS Lichterfelde ausbildete. Thorwarth, Garris, Schultze, Papic, Pesic, Lütcke - ihnen allen hat er das Basketballspielen beigebracht. Als der unscheinbare Mutapcic im Sommer 2000 den wahrlich nicht unscheinbaren Pesic ablöste, gab es skeptische Stimmen, die ihm die Führung des Spitzenteams nicht zutrauten. Doch Alba verteidigte den Titel, der Mann aus der zweiten Reihe glänzte als Meistermacher.

Dass er sich auch als Krisenbewältiger bewährt, davon ist Baldi überzeugt. Überstürztes Heuern und Feuern entspricht nicht dem Stil der Berliner. Ein Trainerwechsel scheint selbst bei weiterem Absturz unwahrscheinlich, auch wenn Mutapcic, dessen Vertrag zum Saisonende ausläuft, sagt: "In diesem Job kann über Nacht alles passieren." Der Bosnier sitzt im Foyer der Max-Schmeling-Halle auf einem Sofa und ruckelt lange mit den Füßen an dem niedrigen Tisch vor sich herum. Innere Ruhe sieht anders aus. Die Blockade in den Spielerhirnen, die zu Verkrampfung und plötzlichen Leistungseinbrüchen führt, dominiert sein Denken. Psychologe Mutapcic statt Polterer Pesic. Lösen will er die Blockade mit "Training, Training, Training, dazu gehört auch, dass man pünktlich kommt, gut isst, sich erholt". Nicht, dass das bisher keiner tun würde, "aber wir müssen mehr tun. Ich auch. Ich bin Teil des Teams." Mit zeitlichem Abstand zur letzten Pleite redet er die Probleme klein und verteidigt die Spieler - und damit sich selbst. "Es läuft nicht alles optimal, aber es geht um Nuancen", meint er. Das 71:100-Debakel in Treviso? "In der NBA gibt es jeden Tag Niederlagen mit 30 Punkten." Die mangelnde kämpferische Einstellung? "So kann man das nicht sagen. Wir machen kein Ballett." Der Titelgewinn? "Wir haben eine gute Chance, aber wir müssen unsere Qualität zeigen." Wenn das nur so einfach wäre.

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