Psychologie : Tipp und Top

Abseits? Viererkette? Pressing? Alles nie gehört? In der Tipprunde können Sie trotzdem ganz vorne mitmischen. Der Berliner Psychologieprofessor Peter Walschburger erklärt, wieso: Rekognitionsheuristik lautet das Zauberwort

Wer hätte gedacht, dass Weltmeister Italien sein EM-Eröffnungsspiel so grandios vergeigt? Wer Rumänien zugetraut, 90 Minuten sein Tor gegen Frankreich zu verteidigen? Auch dass das deutsche Team das Endspiel erreicht, ist trotz Fähnchen an den Autos und der Siegesgewissheit der Bundeskanzlerin noch lange nicht ausgemacht. Die EM bleibt für alle Fans eine Zitterpartie.

Nun hat die menschliche Natur Spaß am Risiko und die neue Unsicherheit eine Nebenwirkung: Ganz Deutschland ist im Wettfieber. Ob Büro, Schulhof, Betrieb, überall wird auf den Ausgang der Spiele gewettet. Allein auf dem Internet-Portal Kicktipp.de sind in mehr als 100 000 Tipprunden rund 1,2 Millionen Menschen organisiert. 

Dabei fällt fast überall eins auf: Die ausgewiesenen Fußballexperten sind nicht unbedingt diejenigen, die die Listen anführen. Immer wieder schneiden die Fußballlaien extrem gut ab. Zufall oder System?

Das Phänomen hat sogar die Wissenschaft beschäftigt. Eine Untersuchung durch Psychologen um Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung hat vor einiger Zeit gezeigt, dass Türken, die von der englischen Premier League nicht viel mehr kannten als die Namen der bekanntesten Teams, den kommenden Meister genauer vorhersagen konnten, als englische Fans, die jeden Spielbericht verfolgten. Wieso das möglich ist? Die Antwort ist kurz und lautet: Rekognitionsheuristik.

Was das heißt? Die Leute verlassen sich bei ihren Entscheidungen auf das, was sie bereits kennen. Ein Beispiel: Für eine Studie wurden Deutsche und US-Bürger gefragt, welche von zwei amerikanischen Städten die jeweils größere sei. Ergebnis: Nahezu 100 Prozent richtige Ergebnisse auf deutscher, etwa 80 Prozent richtige auf amerikanischer Seite. Sollten die Amerikaner ihre Städte nicht besser kennen?

Ja, doch genau das war das Problem. Ein Zuviel an Informationen kann verwirren. Den meisten Deutschen waren die Namen der kleinen Städte häufig nicht geläufig, weshalb sie davon ausgingen, dass die Städte, die sie kannten, die größeren sein müssten. Logisch. Bei den Amerikanern war das anders. Auch kleine Städte waren ihnen zumindest dem Namen nach bekannt. Und das machte sie offenbar anfälliger für Fehlentscheidungen.

Bei Tippspielen funktioniert das ähnlich. Von Favoriten hat man als Laie eher gehört als von Außenseitern.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Unbedarfte grundsätzlich eine höhere Trefferquote haben. Oftmals ist es so, dass dafür die Komplexität eines Themas entscheidend ist. Bei simpleren Sachverhalten ist es durchaus von Vorteil, sich zu informieren.

Komplexere Thematiken hingegen können schnell sehr unübersichtlich werden. Ist eine Situation also übermäßig kompliziert – so zeigt die Erfahrung – kann es von Vorteil sein, sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen.

Fußballtipps liegen irgendwo dazwischen. Ob man mit dem Bauch oder dem Kopf bessere Ergebnisse erzielt, kann von Fall zu Fall unterschiedlich sein. Ich glaube schon, dass ein Trainer wie Löw, der einen Expertenstab um sich hat und viele Spiele analysiert, beim Tippen zu besseren Ergebnissen kommen sollte, als jemand, der all diese Infos nicht hat.

Eine Laie, der zum Beispiel einfach auf Weltmeister Italien gesetzt hätte, wäre damit gleich bei deren erstem Spiel auf die Nase gefallen. Das Wissen, dass das Team ohne Kapitän Cannavaro auflaufen muss, wäre hier vielleicht eine wichtige Information gewesen.

Viele Menschen haben allerdings keine große Wahl, wie sie tippen wollen. Da spielt viel Persönlichkeitsstruktur rein. Depressiv veranlagte sowie stark verkopfte Menschen neigen dazu, alles bis ins Detail durchzudenken mit dem Ziel, die optimale Lösung zu finden. Optimistischere und entscheidungsfreudigere Personen hingegen haben die Fähigkeit, ein Problem knapp zu überblicken und dann eine Bauchentscheidung zu treffen. Das geht, wie die Fußballtipps beweisen, oft gut. Weder die eine noch die andere Einstellung ist allerdings eine Garantie für Erfolg.

All das zeigt uns, dass die Idee, der Mensch sei ein rein logisch handelndes Wesen, ins Wanken gerät. Wir sind keine rationalen Informationsverarbeitungsmaschinen.

Das gilt für Männer wie für Frauen, denen ja häufig eine größere Intuition nachgesagt wird. Zwar sind Frauen in der Regel wirklich etwas anders gestrickt als Männer und in bestimmten Bereichen sensibler, etwa was den sozialen und emotionalen Bereich angeht. Beim Vorhersagen von Fußballergebnissen dürfte das aber wenig ausschlaggebend sein.

Deshalb zum Schluss noch mein Tipp: Deutschland wird Europameister, eine Bauchentscheidung... auch weil ich der Meinung bin, dass unser Sturm seinem Namen alle Ehre macht, und auch unsere Abwehr langsam in die Gänge kommt. Und die kurzen Pässe... Aber, stopp jetzt. Sonst verzettle ich mich auch noch.

Peter Walschburger (62) ist Professor für Biopsychologie an der FU Berlin.

Aufgezeichnet von Moritz Honert

 


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