Sport : Putin soll Schiedsrichter spielen

Ein bizarrer Fußballstreit in Tschetschenien

Elke Windisch[Moskau]

Die meisten Spieler haben die Stadt, die sie regelmäßig auf dem Fußballplatz vertreten, noch nie gesehen. Der von den Fans verehrte Torwart von Terek Grosny ist kein Tschetschene, sondern ein Russe. Auch die Spieler, die auf das Feld laufen, sind Legionäre, die die Mannschaftsleitung bei russischen Vereinen zusammengekauft hat. Wegen der nach wie vor desolaten Sicherheitslage in der Rebellenrepublik im russischen Nordkaukasus trainiert Terek Grosny in den Stadien der Nachbarregionen. Dort werden auch Spiele in der russischen Liga ausgetragen. Weil der politische Wille zum Frieden fehlt, muss ein Fußballteam als Symbol für Stabilität herhalten, von der die Krisenregion nach zehn Jahren Krieg entfernter denn je ist.

Wider Erwarten gewann das Team im vergangenen Jahr den russischen Landespokal und qualifizierte sich damit sogar für den Uefa-Cup – zum Grausen westeuropäischer Spieler und Sportfunktionäre, die sich bereits Auswärtsspiele in der berüchtigten Region ausmalten. Die Befürchtungen waren grundlos. Terek Grosny schied bereits in der ersten Qualifikationsrunde aus. Auch in der nationalen Liga stürzte der Verein auf den letzten Tabellenplatz ab. Schuld an dem Desaster sind nach Meinung der Klubleitung um Ramzan Kadyrow, der Tschetscheniens Vizepremier ist und ein gefürchteter Militärführer mit einer Privatarmee von 3000 Kämpfern, nicht etwa die Spieler, sondern die Schiedsrichter.

Die russischen Referees, so streute es die Klubleitung nach dem letzten verpatzten Spiel am vergangenen Mittwoch, hätten Terek „durch systematische Fehlentscheidungen“ in der laufenden Saison bereits um 15 Punkte betrogen. Staatsfeinde seien am Werk, die Terek Grosny aus der ersten russischen Liga verdrängen wollten, um Putins Friedensplan für die Region zu unterlaufen, hieß der Vorwurf. Nun fordert die Fangemeinde von Terek ein Machtwort Putins. Der russische Präsident soll dem Klub die verlorenen Punkte per Dekret zusprechen.

Umgehend schloss sich auch Tschetscheniens Präsident Alu Alchanow den Protesten an. Terek Grosny, sagte er der regierungsnahen Zeitung „Iswestija“, sei die „Visitenkarte Tschetscheniens“ und müsse ernst genommen werden. Dagegen bezeichnete Witali Mutko, der Chef des russischen Fußballverbandes, die Vorwürfe als absurd. „Ich bin mir absolut sicher, dass es keine Verschwörung gegen Terek gibt“, sagte Mutko.

Die Tschetschenen lassen sich davon nicht so leicht überzeugen. Sie verbinden nationale Hoffnungen mit dem Verein in der Hauptstadt, auch wenn dort fast nur Russen spielen. Der Klub ist nach dem Fluss Terek benannt, der im nördlichen Kaukasusvorland nach Meinung vieler Tschetschenen die natürliche Grenze zu Russland darstellt.

Tschetscheniens Sportminister Wjatscheslaw Fetissow hat inzwischen der Mannschaft und den wütenden Fans die „umgehende Klärung der Vorwürfe“ zugesagt. Putin selbst wollte sich bislang nicht zu dem Vorschlag äußern, den Streit als Oberschiedsrichter zu schlichten. Die „Iswestija“ spottete, dass es der Kreml bei einer einmaligen Schützenhilfe für bedrängte Fußballer nicht belassen sollte. Der Armee-Sportklub ZSKA müsse, um das ramponierte Ansehen der Streitkräfte aufzupolieren, künftig mindestens auf Platz drei gesetzt werden, schlug die Zeitung vor. Auf Vorzugsbehandlung habe demnach auch Zenit St. Petersburg Anspruch. Dem Erstligisten sollen Putins heimliche Sympathien gehören.

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