Sport : Puzzle auf Schottisch

In St. Andrews beginnen morgen die British Open der Golfer – auf dem Old Course, der weltweit seinesgleichen sucht

Petra Himmel[St. Andrews]

Sepia nennen alte Liebhaber der Universitätsstadt St. Andrews den Farbton, der die jahrhundertealten Häuser entlang des Old Course prägt. All jene, die von der Geschichtsträchtigkeit der Örtlichkeit nicht völlig mitgerissen sind, empfinden die Fassaden nur als tristes Grau. So stufen sie auch den städtischen Golfplatz ein, auf dem man seit über 500 Jahren seine Runden dreht. „Der schlechteste Platz, den ich jemals gesehen habe“, sagte der Vater von Jack Nicklaus schon 1959 nach seinem ersten Spiel in St. Andrews. „Man kann nicht sehen, wo es lang geht – schrecklicher Pflegezustand. Ich hatte ungefähr tausend Dreiputts.“ Das sind jeweils drei Versuche beim Einlochen.

Jack Nicklaus, der ab Donnerstag als 65-Jähriger auf dem Old Course zu seiner letzten British Open antritt, der 134. British Open mit 156 Teilnehmern, ist es anders ergangen: „Ich habe den Old Course einmal gespielt und sofort geliebt.“ 18 Löcher also, die die Geister scheiden. Die einen sehen nur ein plattes Stück Land mit unzähligen Wellen und Hügelchen; zu viele blinde Abschläge, sieben riesige Doppelgrüns, brettharter Boden, der die Bälle allzu oft auch unglücklich verspringen lässt. „Das schrecklichste Durcheinander, das ich je erlebt habe“, sagte der Amerikaner Scott Hoch schon vor Jahren.

Für die anderen, die Fans, ist der Old Course als ältester Golfplatz der Welt, auf dem seit 1873 Open Championships ausgetragen werden, ein kleines Heiligtum, auf dem, auch eine Besonderheit, links herum gespielt wird. Nach dem Bau von fünf neuen Abschlägen bringt es der Old Course in diesem Jahr auf 6560 Meter, fast tausend mehr als bei der Premiere. Die 18 Löcher bleiben das ultimative Golf-Puzzle, ein ewiges Geheimnis, dessen Lösung man von Runde zu Runde nur ein wenig näher rückt. Einmalig wird es durch die Lage des Platzes: Hinter dem ersten Abschlag und dem 18. Grün steht das große Clubhaus des Royal & Ancient Golfclub of St. Andrews, rechterhand ein winziges Starterhäuschen, dahinter liegen die Dünen und der Strand – links schließlich befindet sich die 18. Bahn, daneben ein Spazierweg, dann eine Straße und die Häuser der Stadt. Ähnliches findet man auf dieser Welt nicht mehr.

Selbst dem besten Profi verlangt der Platz im Verlauf einer Runde das Maximum an Vorstellungskraft ab. Auch wenn das scheinbar so platte Gelände auf den ersten Blick langweilig wirkt, wie der Gegenpol zum tiefgrünen Augusta National mit seinen blühenden Azaleenbüschen, wo mit den US Masters ein weiteres der vier Major-Turniere ausgetragen wird. „Ich bin beim ersten Mal auf den Abschlag gegangen, bevor mein Caddie da war, habe mich um 320 Grad gedreht und hatte keine Ahnung, wohin ich zielen soll“, erinnert sich Jim Furyk an seinen ersten Old-Course-Auftritt. „Dann kam der Caddie und sagte: ,Hau einfach über den Busch da.’“ Furyk hat vorsichtshalber nicht widersprochen und seine Runde begonnen, die oft an fröhliches Ostereiersuchen erinnert. Sehr oft findet sich der Ball nach einem blinden Abschlag an völlig unerwarteter Stelle wieder, weil er über die trockenen Fairways hüpft und springt, bis er meist in einem der 112 Bunker zur Ruhe kommt, von denen die meisten grässlich hohe Kanten haben.

Hinzu kommt oft Wind, den Tiger Woods bei seinem Rekordsieg mit 19 Schlägen unter Par vor fünf Jahren allerdings nicht erlebt hat. Der Amerikaner, wie Furyk einer der Favoriten 2005, ist einer der Liebhaber von St. Andrews, kennt so ziemlich jedes Video von historischen British-Open-Runden auswendig. „Der Platz ist extrem fair“, sagt Woods.

Fest steht, dass hier nur besteht, wer die Eigenarten kennt. „Ich habe hier inzwischen etwa zehn Runden gespielt und immer noch nicht das Gefühl, dass ich mich gut auskenne“, sagt Jim Furyk. „Es gibt keinen einzigen anderen Platz auf der Welt, den ich zehn Mal gespielt habe, von dem ich Ähnliches sagen könnte.“

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