Sport : Qualifikation: Der härteste Härtefall für Sofia Schulte

Ernst Podeswa

"Bitte schicken Sie mir den Artikel. Meine Mutter sammelt alles, was sie bekommen kann, für ein Album."

Vielleicht hat Heike Drechslers Mutter einst auch geschnippelt und geklebt. Aber es garantiert irgendwann aufgegeben. Denn nach 18 Jahren in der Weltklasse ist über die Olympiasiegerin, Weltmeisterin und mehrfache Europameisterin so viel geschrieben und veröffentlicht worden, dass man mittlerweile ein geräumiges Kellergelass damit füllen könnte.

Sofia Schulte hingegen galt bis vor kurzem als "unbeschriebenes Blatt". Weitspringerin zwar wie die in Karlsruhe lebende Jenaerin Heike Drechsler. Bestweite 1999 mit 6,67 m. 1998 bei ihrem ersten großen Auftritt in der Qualifikation der Europameisterschaften in Budapest gescheitert.

Aber ein Ereignis hat die junge Dame aus Hamm ins Blickfeld der Medien und von rund 20 000 Zuschauern im Stadion sowie einigen Hunderttausend am Fernsehschirm gerückt: ihr letzter Sprung bei den Deutschen Meisterschaften am letzten Juli-Wochenende in Braunschweig. Wie elektrisiert vor Freude hüpfte sie aus der Grube, starrte gebannt auf die Anzeigetafel - und schlug dann entsetzt die Hände vors Gesicht. "Ich habe bei der Weitenangabe auf die letzte Zahl gewartet. Und als dann eine Vier erschien, eine schreckliche Vier, war ich regelrecht schockiert." Gedanken zuckten wie Blitze durch ihren Kopf. Die bündelten sich am Ende zum "Aus und vorbei"-Gefühl.

6,64 m war auf der elektronischen Tafel aufgeleuchtet. Eine Fingerkuppe, ein Zentimeter, zehn winzige Millimeter hinter der Olympianorm. Einmal hatte sie zuvor mit 6,72 m die Forderung des Verbandes für den Erhalt des Sydney-Tickets erfüllt. Bei der für sie letzten Möglichkeit, zum zweiten Mal die Norm zu erfüllen, hatte Schulte diese um die besagte Winzigkeit verfehlt.

Heike Drechsler (35), in Sydney das vierte Mal bei Olympia dabei, kam als Erste zu ihr: "Das kann doch nicht sein. Die müsssen dich doch mitnehmen." Susen Tiedtke, nur ein Zentimeter vor Schulte und im Olympiateam dabei, folgte und versuchte zu trösten. Zwei, drei andere Konkurrentinnen meinten jedoch: "Warte mal ab. Das wird schon." Fotografen baten die unglücklichste Dritte der Titelkämpfe zum Foto mit Drechsler und Tiedtke. Die 24-jährige Sofia Schulte suchte den Trainer Andreas Klose am Bahnrand - "und da kamen dann ein paar Tränen".

Doch noch ehe diese getrocknet waren, kam ihre Freund Michael Dragu, wie sie für den LAV Siegen startend, ins Stadion. Für den Endlauf über 400 m. "Da habe ich meine Enttäuschung verdrängt und versucht, ihm Mut zu machen." Dragu wurde Dritter - und schaffte die Qualifikation nicht.

Nach Braunschweig flog sie erst einmal in ein zweiwöchiges Trainingslager nach Lanzarote. "Das war unabhängig vom Olympiastart, lange geplant." Sie trainierte hart ("bis zum Anschlag"), feilte an der Technik. Und sie konnte die Gedanken an Olympia nie ganz verdrängen. Während der vergangenen zwei Jahre hatte sie ihr Studium (Ernährungswissenschaften) in Münster zugunsten Olympias schleifen lassen. Bei Athletiktests war sie im Anlauf flinker als Heike Drechsler, hatte einen blitzschnellen Abdruck beim Absprung. "Das Potenzial für 6,80 m war da, aber ich hatte es noch nicht umsetzen können." Als Selbstschutz - um nicht nochmals enttäuscht zu sein - trichterte sie sich ein, dass es wohl nichts werden würde mit Olympia. Doch dann meldete sich Sportwart Rüdiger Nickel telefonisch auf Lanzarote und verkündete: "Du kannst auf Lanzarote bleiben und weiter für Sydney trainieren." Nach dem Schockerlebnis von Braunschweig war es für Schulte "der glücklichste Moment seit langem", als "Härtefall" nun doch nach Sydney reisen zu dürfen.

Die anschließende Einladung ins ZDF-Sportstudio zusammen mit der Hochsprung-Kollegin Amewu Mensah empfand Sofia Schulte als "große Auszeichnung, denn es gibt viele, die mehr geleistet haben als ich, aber noch nie im Sportstudio waren".

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