Qualifikation : EM ohne England

England holt ein 0:2 gegen Kroatien auf und verpasst dann doch noch durch ein 2:3 die Europameisterschaft. Torwart Scott Carson wird zur tragischen Figur.

Markus Hesselmann[London]
England
Carson verschuldete das 1:0. -Foto: AFP

London - Sie dachten, sie hätten die Wende noch geschafft. Doch dann kam das Aus. Vor 88 091 Zuschauern im ausverkauften Wembleystadion lag England gestern im EM-Qualifikationsspiel gegen Kroatien 0:2 zurück, glich in der zweiten Halbzeit aus – und verlor 2:3. Damit sind die Engländer im nächsten Jahr in Österreich und der Schweiz nicht dabei. Ein Unentschieden hätte ihnen gereicht. Mit dem Rücktritt oder dem Rauswurf von Trainer Steve McClaren wird gerechnet.

Englands Trainer ließ David Beckham wegen seiner zurzeit schwachen Kondition zunächst auf der Bank. Er entschied sich auf den Flügeln für die beiden schnellen Mittelfeldspieler Joe Cole und Shaun Wright-Phillips. Einzige Spitze war Zweimetermann Peter Crouch. Im Tor stand Scott Carson, der beim 1:0-Sieg im Testspiel gegen Österreich gerade erst debütiert hatte. Paul Robinson saß noch nicht einmal mehr auf der Bank. Der Torwart von Tottenham Hotspur hatte im Verlauf der EM-Qualifikation zu viele Fehler gemacht, unter anderem im Hinspiel, als er einen Rückpass von Gary Neville zum 0:2 passieren ließ. Doch prompt verschuldete gestern Carson das 1:0 für Kroatien. Ein Fernschuss von Niko Kranjcar, der in der englischen Premier League für den FC Portsmouth spielt, setzte direkt vor Carson auf dem regendurchweichten Boden auf und sprang an seinen ausgestreckten Armen vorbei ins Netz.

Weder die englischen Spieler noch die englischen Fans ließen sich durch den Rückstand einschüchtern. Auf den Rängen erklang „God Save the Queen“, auf dem Rasen gab es Chancen. Doch Kroatien konterte gefährlich. Und traf erneut. In der 14. Minute wurde der Hamburger Ivica Olic von Eduardo da Silva vom FC Arsenal nach einem Konter geschickt im Strafraum freigespielt und erzielte das 2:0. Verzweifelt dreinblickend stand McClaren unter seinem Regenschirm am Spielfeldrand.

6500 kroatische Fans bejubelten ihre Mannschaft, die an diesem Abend mit vollem Einsatz ins Spiel gegangen war, obwohl sie sich bereits für die EM qualifiziert hatte. Die Kroaten schienen sich Israel zum sportlichen Vorbild genommen zu haben. Die Israelis waren bereits chancenlos in der Qualifikation und hatten Russland am Spieltag zuvor trotzdem geschlagen. Nur dadurch durfte England überhaupt noch einmal hoffen.

In der Pause aber waren die englischen Fans gestern sogar zum Buhen zu geschockt. Pfiffe gab es erst, als die Mannschaft wieder das Feld betrat. Doch dann Jubel: Beckham kam, für Wright-Phillips. Und wieder „God Save the Queen“. England erspielte sich Chancen, doch die Kroaten blieben gefährlich mit Kontern, bei denen Carson beweisen konnte, dass er doch ein guter Torwart ist.

Dann half England erneut das Glück – oder die Dummheit eines Herthaners. Josip Simunic riss den eingewechselten Jermain Defoe in der 56. Minute im Strafraum um. Frank Lampard trat an den Elfmeterpunkt, der Mann der bei Englands Ausscheiden bei der WM im Viertelfinale gegen Portugal verschossen hatte. Doch diesmal sprang Kroatiens Torwart Stipe Pletikosa in die falsche Ecke. Ein Torschrei mit mehr als 80 000 Stimmen.

Doch es gab noch eine Steigerung. Dank Peter Crouch, der vor dem Spiel von seinem Traum erzählt hatte, an diesem Abend zum Helden von Wembley zu werden. Der Stürmer des FC Liverpool hätte seinen Traum mit seinem Treffer zum 2:2 in der 65. Minute fast wahrgemacht. Ekstase auf den Rängen, die von da an in banges Warten umschlug.

Die Angst der englischen Fans war berechtigt. Und wieder stand ein Bundesligaspieler im Mittelpunkt des dramatischen Geschehens. Der eingewechselte Mladen Petric von Borussia Dortmund überwand Scott Carson in der 77. Minute mit einem platzierten Schuss aus gut 20 Metern. Kroatiens Fans feierten ihre Mannschaft. Statt „God Save the Queen“ schallte „Hurra Hrvatska“ durch das Wembleystadion. Wie ihre Spieler taten die kroatischen Fans so, als wäre es an diesem Abend um alles gegangen.

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