• Qualifikationsturnier für Paralympics: Deutsches Rollstuhlrugbyteam auf dem Weg nach Rio

Qualifikationsturnier für Paralympics : Deutsches Rollstuhlrugbyteam auf dem Weg nach Rio

Ihr Tief hat die deutsche Rollstuhlrugby-Nationalmannschaft hinter sich. Von den Paralympics ist sie jetzt nur noch ein Qualifikationsturnier entfernt.

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Hier wollen sie hin: nach Rio. Hier Brasiliens Nationalteam beim Testevent für die Paralympics.
Hier wollen sie hin: nach Rio. Hier Brasiliens Nationalteam beim Testevent für die Paralympics.Foto: Imago

„Konzept 2020“ heißt das Dokument, das im Internet zu finden ist. Es ist die Bewerbung von Christoph Werner auf den Posten als Cheftrainer bei der deutschen Rollstuhlrugby-Nationalmannschaft. 2014 war das, nachdem Deutschland bei der WM von zwölf Teams Elfter wurde. „Das war deprimierend, der absolute Tiefpunkt. Von 2000 bis 2010 gehörten wir immer zu den besten acht der Welt und sind danach dramatisch abgesunken“, sagt Werner, der selbst von 2002 bis 2008 Nationalspieler war und von 2010 bis 2014 die polnische Nationalmannschaft trainierte.

Direkt im Anschluss wechselte er noch im selben Jahr zum Deutschen Rollstuhlsportverband – und packte mit seinem Team sofort an, sodass aus dem „Konzept 2020“ zumindest kurzfristig ein „Konzept 2016“ geworden ist. Nach der Pleite-WM 2014 folgte nämlich ein starker vierter Platz bei der EM 2015, die Verbesserung in der Weltrangliste auf Rang neun und somit die Erlaubnis, beim Qualifikationsturnier für die Paralympics mitzuspielen.

„Der Neuanfang klappte deutlich besser als erwartet. Das Engagement der Spieler ist ein ganz anderes, die allgemeine Motivation viel höher, es wird im Training intensiver gearbeitet“, sagt Werner: „Und trotzdem war es noch kein richtiger, großer Umschwung.“ Viele Spieler von der WM sind noch im Kader, nur vier Neue sind dabei. Zwischen 25 und 44 Jahren findet man im Team jede Altersklasse vertreten. Drei Spieler werden nach dem Qualiturnier – oder bei erfolgreichem Abschneiden nach den Paralympics – in jedem Fall ihre Karriere beenden.

Nationalspieler Jens Sauerbier von den Berlin Raptors sagt: „Sein Vorgänger Joe Soares war taktisch-technisch der beste Coach, den ich je hatte, ein Rugby-Urgestein. Aber er hatte Schwächen im Bereich Motivation und Mannschaftsgefüge und hat immer mit vier, fünf Spielern durchgespielt. Christoph hat das Ziel, alle Spieler mitzunehmen und zu entwickeln. Nicht nur durch die Sprache hat er einen besseren Draht zu uns Spielern.“ Ein weiterer Punkt: Der Ex-Trainer kam aus den USA. Das war teuer – es gab lediglich ein bis zwei Lehrgänge pro Jahr. Werner ist es wichtig, dass die Mannschaft häufiger zusammenkommt, auch mal über ein verlängertes Wochenende. Vor kurzem waren sie in Vancouver zu einem Vorbereitungsturnier, danach folgte das letzte Trainingslager in Bad Blankenburg. „Durch die viele Zeit miteinander entsteht eine ganz andere Chemie innerhalb des Teams“, sagt Sauerbier.

In Paris wird die Entwicklung der jungen Spieler aber hinten anstehen müssen. „Nur die stärksten Linien werden zum Einsatz kommen. Alles ist auf das Hauptziel ausgerichtet, das kleine Wunder, zu schaffen“, sagt Werner. Er vertraut darauf, was auch in der Vorbereitung geklappt hat. Ab Montag sind Leute wie Kapitän Maik Baumann oder die Berliner André Leonhard oder Thomas Schuwje gefordert, die bei der EM beide auch als beste Spieler ihrer Klasse ausgezeichnet worden sind und Ruhe und Erfahrung mitbringen.

Die Gegner sind schwierig, aber nicht unbesiegbar – mit Ausnahme der USA vielleicht, die als Weltranglisten-Zweiter der große Favorit beim Turnier sind. „Sie haben eigentlich schon einen Platz sicher. Den Rest der Rollstuhlrugby-Welt würde es aber freuen, wenn sie es nicht schaffen, weil sie doch etwas arrogant daherkommen“, sagt Werner. Sein Fokus liegt auf den Teams dahinter: Der EM-Dritte Dänemark und Gastgeber Frankreich, die im Ranking unmittelbar vor Deutschland platziert sind. Gegen die Skandinavier gab es bei der EM 2015 zwei knappe Niederlagen, eine im Spiel um Platz drei. „Da habe ich experimentiert am Ende. Das geht auf meine Kappe“, sagt Werner: „Aber seit der EM waren wir fast ein halbes Jahr zusammen, die Spieler haben meine Philosophie verinnerlicht. Es dauert ja immer, bis man ein neues System kennt.“

Neuseeland ist beim Turnier der große Unbekannte, Nachrücker Finnland gilt als schwächstes Team. „Wir müssen einfach versuchen, unsere EM-Form zu toppen“, sagt Sauerbier, „und uns so gut es geht verkaufen, sodass wir uns am Ende keine Vorwürfe machen müssen, dass wir nicht alles probiert hätten. Aber ich bin frohen Mutes, dass wir uns für die Paralympics qualifizieren.“

 

Am Montag, 18.4. spielt Deutschland zunächst gegen die USA (11 Uhr) und Finnland (15 Uhr), am Dienstag gegen Dänemark (9  Uhr) und Neuseeland (13 Uhr), bevor es am Mittwoch im abschließenden Gruppenspiel gegen Frankreich geht (11 Uhr). Die Entscheidung um die Rio-Plätze fällt dann am Donnerstagvormittag im Halbfinale: Die beiden Finalisten sind fürs Endspiel qualifiziert.

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