Sport : Quarterback mit Kultur

Christian Hönicke

Er stieg als Vorletzter aus dem Flugzeug. Der erste Eindruck von Todd Husak, dem neuen Quarterback von Berlins American-Football-Team Thunder, entsprach genau dem Bild vom Spielmacher einer Footballmannschaft, das man beim Genuss eines beliebigen US-College-Films vermittelt bekommt. Er ist groß, aber nicht riesig, kräftig, aber kein Kleiderschrank. Sein fast fortwährendes, freundliches Lächeln bringt seinen Kinnbarts erst richtig zur Geltung, der zwar ungewöhnlich, aber nicht gewagt ist. Außerdem interessiert sich Husak für Kultur. Als er erfahren hatte, dass es ihn nach Berlin verschlagen würde, war sein erster Gedanke: "Da soll es schöne Museen geben." Der 23-jährige Todd Husak war gestern soeben mit seiner Mannschaft in Berlin gelandet, in einer Stadt, die er bisher nur aus den Erzählungen seiner Eltern kannte, die hier vor zehn Jahren mal zu Besuch waren.

Todd Husak ist hier, um Thunder bei der Titelverteidigung in der NFL Europe zu helfen. Und um seiner Laufbahn einen kleinen Schubs in die richtige Richtung zu geben. Eigentlich steht Husak nämlich in Diensten der Denver Broncos. Doch weil er sich im Kampf um einen Startplatz beim zweimaligen Champion der amerikanischen Spitzenliga NFL noch nicht durchsetzen konnte, wurdeer von seinem Arbeitgeber für die anstehende Saison nach Europa geschickt. Das Los hat Berlin für die nächsten Monate zu seiner neuen Heimat gemacht. Der Lostopf, in den alle Namen der amerikanischen Spieler aus der NFL kommen, die nach Europa geschickt werden sollen, hat für ihn aus den sechs Städten der NFL Europe Berlin vorgesehen.

Nun ist Todd Husak also hier, wie das gesamte Team, das sich bis vor kurzem noch im Trainingscamp in Tampa/Florida kennen lernen durfte. Denn von der Mannschaft aus dem Vorjahr sind nur noch wenige dabei. Die meisten der 48 Spieler sind Neulinge wie Husak. Das erste, was sie von Berlin sahen, war ein für hiesige Verhältnisse warmherziger Empfang. Ein paar der fanatischsten Thunder-Anhänger waren zum Flughafen nach Tegel gekommen, um ihre Mannschaft zu begrüßen. Aber natürlich war hier alles mehrere Nummern kleiner als in Amerika.

Husak war gut gelaunt. Schließlich hatte sich Trainer Peter Vaas kurz zuvor für ihn als Spielmacher in der Anfangsformation entschieden. Und das, obwohl sein schärfster Mitkonkurrent auf einen für Footballfans vertrauten Namen hört. Es ist Tim Hasselbeck, dessen Bruder Matt bei den Seattle Seahawks in der NFL schon ein Star ist.

Hasselbeck war gestern nicht ganz so sonnigen Gemüts wie Husak. Er stieg als Letzter aus und schob sein Gepäck gedankenverloren vor sich her. Wahrscheinlich nagte noch immer die Begründung an ihm, mit der der Trainer seinem Kontrahenten den Vorzug gegeben hatte. "Husak", hatte Vaas gesagt, "hat gezeigt, dass er präzise werfen kann und Kontrolle über den Angriff hat." Das sind für einen Quarterback keine außergewöhnlichen Fähigkeiten, sondern Grundvoraussetzungen. Trotzdem schrieb Hasselback artig Autogramme. Nur einmal schaute er kurz hoch, weil der vor ihm laufende Husak seine gute Laune laut kundtat. Wahrscheinlich hatte er gerade erfahren, dass morgen eine Berlin-Rundfahrt ansteht. Museumsbesuch inklusive.

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