Sport : Quell kollektiven Glücks

Nach 25 Jahren ist der 1. FC Nürnberg wieder im Pokal-Finale – dank Trainer Hans Meyer

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Der zusätzlichen dramaturgischen Reize hätte es angesichts der euphorischen Grundstimmung vermutlich gar nicht mehr bedurft; schön war es trotzdem. Um 22.16 Uhr bewegten sich die verbliebenen Nürnberger Ersatzspieler zur Bank, und als Marek Mintal sein Leibchen auszog, rissen die Leute auf den Tribünen ihre Arme hoch wie beim Torjubel. Um 22.20 Uhr wurde der Slowake nach einer gefühlten mehrjährigen Verletzungspause endlich eingewechselt, und in diesem Rhythmus ging es weiter. Um 22.23 Uhr erzielte Chhunly Pagenburg das Tor zum 4:0-Endstand gegen Eintracht Frankfurt. Um 22.25 Uhr, mit dem Schlusspfiff des Pokal-Halbfinales, ging im Stadion das Licht aus für ein finales Feuerwerk, und kurz darauf thronte Michael A. Roth, der Präsident des 1. FC Nürnberg, bereits auf den Schultern seiner Spieler.

„Da habe ich mein ganzes Leben lang von geträumt“, sagte Hans Meyer, der Trainer der Nürnberger. Die praktische Umsetzung scheiterte nicht nur daran, dass Meyer eine sehr viel größere Last gewesen wäre als der vergleichsweise kleine Präsident; Nürnbergs Trainer hatte sich dem Zugriff durch seine Spieler längst entzogen. In Momenten der allgemeinen Ekstase entflieht Meyer dem Trubel, selbst den ganz normalen Rummel um seine Person hält er ja schon für vollkommen überzogen. Doch auch mit seiner exzessiven Bescheidenheit kann der 64-Jährige nicht mehr verhindern, dass er in Nürnberg fortan als Quell des kollektiven Glücks geortet werden wird.

„Ein Wunder ist das, was heute geschehen ist“, sagte Präsident Roth. Bei Meyers Amtsantritt vor anderthalb Jahren lag die Mannschaft auf dem letzten Tabellenplatz der Fußball-Bundesliga. Jetzt steht sie im Pokalfinale, hat zudem gute Chancen, sich auch auf herkömmlichem Wege für den Uefa-Cup zu qualifizieren. Frankfurts Kapitän Christoph Spycher bezeichnete die Nürnberger als „spielerisch eine der stärksten Mannschaften der Bundesliga“. Sie spielt typischen Hans-MeyerFußball, klar strukturiert, intelligent und jederzeit um aktive Gestaltung bemüht. Zufall ist das nicht. Man darf das Design des Nürnberger Spiels ruhig darauf zurückführen, dass der Chef-Designer Hans Meyer heißt.

Aber selbst an diesem Abend, an dem sich alles einem wunderbaren Plan zu fügen schien, wurde Martin Bader, Nürnbergs Sportdirektor, noch einmal damit konfrontiert, wie zufällig der Erfolg letztlich ist. Kurz nach dem Spiel klingelte sein Mobiltelefon. Peter Neururer wollte seine Glückwünsche zum Finaleinzug übermitteln, jener Neururer, der vor anderthalb Jahren Baders Wunschkandidat für den Trainerposten war, sich mit dem Club schon weitgehend geeinigt hatte und dann – wenig stilvoll – per SMS absagte. Neururer ging lieber zu Hannover, wo er längst wieder entlassen ist.

Neururers Arbeitsstil bringt schnellen Erfolg genauso wie schnellen Verfall; Nürnberg unter Hans Meyer zeichnet sich durch organisches Wachstum aus. Die Saison darf nach Ansicht des Trainers schon jetzt als gelungen gelten, umso schöner aber, dass mit dem Pokalfinale „noch was richtig Ehrenvolles wartet“, wie Meyer sagte. 25 Jahre mussten die Stadt und der Verein auf eine Endspielteilnahme warten, der letzte Titel, die deutsche Meisterschaft, liegt fast 40 Jahre zurück. Natürlich hat Meyer registriert, was es den Fans bedeutet, schon daran, „wie viele wildfremde Menschen dich ansprechen, weil sie Jahrzehnte gedarbt haben“.

Michael A. Roth war auch 1982 Präsident, als die Nürnberger zum letzten Mal im Endspiel des DFB-Pokals standen. „Der ganze Aufwand, die ganze Mühe haben sich gelohnt“, sagte er nach dem Sieg gegen die Frankfurter. „Mit diesem Spiel allein ist man entschädigt.“ Als Roth 1994 das Präsidentenamt zum zweiten Mal übernahm, hatte der Club 30 Millionen Mark Schulden. Ohne seine Zuwendungen und die zinsgünstigen Darlehen hätte der Verein nicht überlebt. Inzwischen hat der Club alle Außenstände bei seinem Präsidenten beglichen, der Verein ist so gut wie schuldenfrei. Ein Sieg im Finale allerdings könnte den Etat außerplanmäßig belasten. „Wenn man 25 Jahre nur enttäuscht wird, hört man bei den Prämienverhandlungen gar nicht mehr richtig hin“, sagte Roth. „Da denkt man: Das wird ja doch wieder nichts.“

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