Sport : Rabatz und Rabatt

Vor dem Formel-1-Rennen in Hockenheim kämpfen die Veranstalter um jeden Zuschauer

Karin Sturm[Hockenheim]

Norbert Haug mag viel von Autos verstehen, verkaufen könnte er sie vermutlich nicht besonders gut. Dass ihm die psychologischen Kniffe des Handelns eher fremd zu sein scheinen, demonstrierte er jedenfalls beim Formel-1-Rennen in Silverstone vor einer Woche. „Kommen Sie nach Hockenheim, es lohnt sich!“, rief er in die Kamera. „Wir werden eine große Show bieten, das wird eine Riesensache!“ Dass der Mercedes-Motorsportchef ausgerechnet im Augenblick des Triumphes durch seinen Fahrer Lewis Hamilton ans Kartenverscherbeln dachte, wirft einen für Verkaufsabsichten ungünstigen Schatten der Bedürftigkeit auf den Großen Preis von Deutschland am kommenden Sonntag. Und das wohl nicht zu Unrecht.

Beschweren können sich die Veranstalter eigentlich nicht: Beim Rennen in Silverstone trieb Hamilton ein deutscher Motor zum Sieg, vor dem deutschen Piloten Nick Heidfeld im komplett deutschen BMW. Auch abseits der nationalen Komponente ist die Situation durchaus reizvoll. In McLaren-Fahrer Hamilton und den beiden Ferrari-Piloten Kimi Räikkönen und Felipe Massa reisen gleich drei Fahrer als punktgleiche WM-Spitzenreiter nach Deutschland – Robert Kubica liegt im BMW nur zwei Punkte dahinter.

Und dann gab es Mitte dieser Woche auch noch den dreitägigen Formel-1-Test auf dem Hockenheimring, den ersten seit 1992. Auch wenn es diesmal keine Schlagzeilen gab wie damals vor 16 Jahren, als sich Ayrton Senna und Michael Schumacher ziemlich spektakulär in die Haare bekamen: Gerade die etwa 20 000 Fans, die in den drei Tagen die Chance nutzen, zu günstigen Preisen Formel-1-Atmosphäre zu schnuppern, haben so vielleicht einen Anreiz bekommen, am Rennwochenende noch einmal wieder zu kommen.

Zusatztribünen allerdings, um dem Zuschaueransturm Herr zu werden, werden diesmal wohl kaum aufgebaut werden müssen. Mit 85 000 Besuchern rechnet die Hockenheimring GmbH für das Rennen am Sonntag – dafür reichen die vorhandenen Kapazitäten. Vor allem, da solche offiziellen Zahlen doch meist eher am Rande des Euphemismus entstehen. Es hat schon seinen Grund, dass seit dem vergangenem Jahr statt zwei nur noch ein Formel-1-Rennen pro Saison in Deutschland stattfindet und sich Hockenheim und der Nürburgring als Austragungsort abwechseln. Es wird immer schwieriger, die Einnahmen zu erwirtschaften, die Formel-1-Chefvermarkter Bernie Ecclestone den Veranstaltern als Gebühren abknöpft. Zweistellig sind die Millionenbeträge schon seit einiger Zeit, und jedes Jahr wird es mehr. Zehnprozentige jährliche Steigerungsraten sind Standard in Ecclestone-Verträgen.

Besonders zu schaffen macht das den Veranstaltern seit dem Rücktritt des großen Zugpferdes. Selbst fünf deutsche Fahrer und zwei große deutsche Automobilkonzerne, die Möglichkeiten zu Boxengassenbesuchen und Renntaxi-Fahrten an der Seite eines Formel-1-Stars sind offensichtlich nicht in der Lage, in Deutschland die Breitenwirkung und Anziehungskraft eines Michael Schumacher zu entwickeln. Langjährige Hockenheim-Besucher erinnern sich noch genau an die Hochzeiten des Booms, als die Ticketnachfrage so enorm war, dass Karten bereits ein Jahr im Voraus bezahlt werden mussten. Eine Garantie, gute Plätze zu bekommen, war aber selbst das nicht.

Wie anders sieht die Situation nach dem Rücktritt des siebenmaligen Weltmeisters aus: Im vergangenen Jahr wurden am Nürburgring klassenweise Schüler mit Gratistickets auf die Tribünen gelockt. Und in diesem Jahr sah sich der Hockenheimring genötigt, während der Fußball-EM eine große Rabattaktion mit jeweils zehn Prozent Preisermäßigung für jedes erzielte deutsche Tor zu starten. Denn selbst zu diesem Zeitpunkt waren noch Karten für attraktive Tribünenplätze zu bekommen. Nicht einmal die Mercedes-Tribüne, erst vor wenigen Jahren als spektakulärer Anziehungspunkt errichtet, ist ausverkauft. Das könnte sich allerdings noch ändern. Norbert Haug will das persönlich ihn die Hand nehmen: „Ich verkaufe Ihnen die Karten auch selbst.“

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