Sport : Rache für Peking

Auf der letzten Bahn entreißen FRANKREICHS SCHWIMMER der US-Staffel das sicher geglaubte Gold.

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Demütigung unter Wasser. Yannick Agnel (rechts) zieht an Ryan Lochte vorbei.Foto: dapd
Demütigung unter Wasser. Yannick Agnel (rechts) zieht an Ryan Lochte vorbei.Foto: dapdFoto: dapd

London - Ein paar Sekunden, nachdem die französische Nationalhymne verklungen war, umarmten sich Nikita Lobintsew und Yannick Agnel. Zwei Sekunden drückten sie sich, beide standen auf der tiefsten Stufe des Siegerpodests, aber es war eine Umarmung, bei der klar war, dass der Russe dem Franzosen Respekt erwies. In dieser Sekunde wäre selbst eine Verbeugung angemessen gewesen.

Dass vier Franzosen zur Marseillaise die Hand an ihr Herz halten konnten, während vier US-Amerikaner auf dem Siegespodest mit verschränkten Händen zuhören mussten, das hatte alles mit dem 20-Jährigen, schlaksigen Agnel zu tun. Der Franzose hatte in einem dramatischen Rennen als Schlussschwimmer der 4-x-100-Meter-Freistil-Staffel den US-Amerikaner Ryan Lochte noch abgefangen. Lochte war mit klarem Vorsprung vom Block gesprungen, aber schon bei der Wende lag Agnel fast gleich. Und auf der letzten Bahn zog er vorbei. Der 100-Meter-Freistil-Weltrekord steht bei 46,91 Sekunden, Agnel benötigte 46,74 Sekunden. Allerdings kommt bei der Staffel der Vorteil des fliegenden Stars hinzu. Doch Agnel war genau eine Sekunde schneller als Lochte.

Es war die Rache von London, eine brutale, demütigende Rache. Und alles vor 17 500 Menschen, die sich auf den Tribünen die Lunge aus dem Leib schrieen, die aufgesprungen waren, die jeden Zentimeter, den Agnel näher rückte, enthusiastisch feierten.

2008, in Peking, hatte der US-Amerikaner Jason Lezak den Franzosen Alain Bernard auf den letzten 30 Zentimetern noch abgefangen. Diesmal standen die US-Amerikaner unter Schock. Ryan Lochte blickte wie versteinert, Michael Phelps stand der Mund offen. Phelps war 47,15 Sekunden gekrault, er war der schnellste US-Amerikaner, getrieben vom Teamgeist. Das war noch einmal für eine dreiviertel Minute der alte, der große Michael Phelps.

Jeder hatte sich auf ein Duell zwischen den USA und Australien eingerichtet. Nur einmal in den vergangenen sieben Olympischen Spielen hatte eine US-Staffel auf dieser Strecke nicht Olympia-Gold gewonnen. Das war 2000 in Sydney, als die Australier triumphierten. Auch jetzt wollten sie Gold. „Wir sind Massenvernichtungswaffen“, hatten sie in Richtung Team USA getönt.

Die hatten an ihrem schwarzen Sonntag nur einen Trost: Die Australier erleben ein noch viel größeres Debakel als die US-Stars: Sie gewannen nicht mal die Bronzemedaille. Die ging noch an die Russen. Frank Bachner

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