Rad-WM in Doha : Einsame Rennen

Die Rad-Weltmeisterschaft in Katar hat kaum Zuschauer. Dabei gibt es Fans: die Arbeitsmigranten. Für die Wettkämpfe bekommen sie nicht frei. Wenn sie trainieren, schlafen die Profis noch.

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Kein Zuschauer, so weit das Auge reicht. Was die Stimmung betrifft, ist diese Weltmeisterschaft in Katar ein Desaster.
Kein Zuschauer, so weit das Auge reicht. Was die Stimmung betrifft, ist diese Weltmeisterschaft in Katar ein Desaster.Foto: AFP/Desouki

Doha, 4.30 Uhr am Freitagmorgen. Schwarz hängt die Nacht über der West Bay von Doha. Eine angenehme Brise weht durch die Palmen im Park vor dem Sheraton Hotel. Die richtigen Bedingungen, um in dieser Gegend Rad zu fahren. Etwa ein Dutzend philippinischer Radsport-Enthusiasten hat sich hier eingefunden. Einige von ihnen sind schon wesentlich früher aufgestanden; sie sind Bauarbeiter in Katar und wohnen im Industrial Area, etwa 40 Minuten von hier entfernt. Andere Fahrer, ein IT-Spezialist, ein Experte für Arbeitssicherheit und ein Ingenieur für Straßenbau, haben ihr Quartier in Dohas Zentrum aufgeschlagen.

Sie alle treffen sich zu ihrem wöchentlichen gemeinsamen Radtraining. „Wir fahren von hier aus los in den Norden. Wir haben dort einen etwa 20 Kilometer langen Rundkurs, den wir drei oder vier Mal abfahren“, erzählt Hawie, Sprecher der Gruppe.

Das Training erfolgt auf öffentlichen Straßen. „Das ist nicht ungefährlich. Es kann passieren, dass man zwischen den Autos eingeklemmt wird“, sagt Hawie. Auch deshalb trainiert die Gruppe so früh – der Verkehr in Doha ist dann noch spärlich.

Bei ihrer Trainingsfahrt lassen die Männer die künstliche Insel The Pearl rechts liegen. Sie wissen, dort schlummern gerade ihre Idole, Peter Sagan, Mark Cavendish und Tony Martin. Es macht also keinen Sinn, dorthin zu fahren. Wenn Sagan, Cavendish und Martin indes ihre Rennen austragen, müssen Hawie und seine Kumpels arbeiten. Elf Stunden täglich ist etwa Hawie auf einer Baustelle der Qatar Foundation in der sogenannten Education City tätig. Das ist ein Areal voll von Universitäten, Bibliotheken, Instituten – das in Beton gegossene akademische Hirn Katars. Hawie beaufsichtigt als Arbeitsschutzinspektor 250 Bauleute. „Ich muss mich um jeden einzelnen kümmern. Ich will ja, dass alle gesund und in einem Stück nach Hause kommen“, sagt er – und fügt stolz hinzu: „Beim Sicherheitsaudit war unsere Baustelle die beste in der ganzen Education City.“ Kleinere Unfälle gab es aber auch auf dieser Musterbaustelle. Und insgesamt, sagt Hawie, müsse die Bauindustrie in Katar in Sachen Sicherheit noch ganz schön zulegen.

Was ihn jetzt aber schmerzt, ist, dass er und andere radsportverrückte Kollegen nicht frei bekommen haben für die Rad-WM. „Es ist so bitter: Wir wissen, dass die weltbesten Fahrer hier bei uns sind. Ich habe um Urlaub gebeten, auch um unbezahlten, aber sie haben dem nicht stattgegeben.“

Da werden Millionen in die Ausrichtung der Rad-WM gesteckt und das Rennen will dann kaum jemand sehen

Das ist einer der vielen Widersprüche im Emirat. Da werden einerseits Millionen in die Ausrichtung der Rad-WM gesteckt. Die Rennen will dann aber kaum jemand sehen. Als „nicht würdig für eine WM“ bezeichnete etwa Deutschlands Kapitän André Greipel die traurige Atmosphäre. Auf der anderen Seite gibt es Männer wie Hawie, die sich nach elf Stunden auf dem Bau noch aufs Rad schwingen und voller Begeisterung an die Strecke gekommen wären, wenn man sie gelassen hätte. Der Gipfel der Paradoxien: Hawies Arbeitgeber Qatar Foundation lässt gerade ein Stadion für die Fußball-WM 2022 bauen, das extra in den Parcours der Straßenrennen von Männern und Frauen integriert wurde. Die Image-Kampagne für den Sportstaat Katar wird jedoch zum Fiasko, weil die Sportenthusiasten im eigenen Land nicht mitgenommen werden.

Hawie und seine Jungs hatten wenigstens noch Gelegenheit, am Samstag an der Ride of Champions teilzunehmen, einem für Amateure freigegeben Rennen auf dem WM-Rundkurs auf der Pearl. Für diesen Tag, in Katar offiziell ein Arbeitstag, erhielt Hawie Urlaub.

Keine Chance darauf hingegen hatte Leo. „Ich muss meinen Laden offenhalten, von sieben Uhr früh bis abends um neun“, sagt er traurig. Leo, aus Sri Lanka kommend, betreibt den einzigen Fahrradladen im Industrial Area. Das ist eine Großstadt für mehrere hunderttausend Einwohner, deren Wohnstätten auf einem etwa 32 Quadratkilometer großen Gebiet zwischen Betrieben, Lagerhallen und Schrottplätzen liegen. Zwei größere Ladenstraßen gibt es, ansonsten schadhafte Betonpisten, über die Schwerverkehr rumpelt, und natürlich keine Bürgersteige. Von Radwegen ganz zu schweigen.

Räder verkauft Leo dennoch. Hauptsächlich an Männer. Er hat aber auch Frauen- und Kinderräder im Angebot. Manche Gastarbeiter dürfen mittlerweile ihre Familien nachholen – eine Lockerung des bislang strengen Regimes.

Viel Freude haben Leos Kunden aber nicht an ihren Geräten. Putzen etwa macht gar keinen Sinn. Kaum gekauft legt sich schon eine feine Sand- und Staubschicht auf Rahmen und Reifen. Grau statt bunt sind daher auch die meisten Räder, die vor der Unterkunft von Saji in der 24. Straße geparkt sind. „Wir benutzen sie zum Einkaufen oder auch, um Freunde in anderen Wohnblocks zu besuchen“, erzählt der Mann aus Nepal, der vor einiger Zeit noch für die deutsche Firma Strabag an der roten Metro-Linie Dohas baute und der jetzt nach eigener Aussage einen besser bezahlten Job gefunden hat. Ausgedehnte Fahrradtouren macht er nicht. „Auf Dohas Straßen ist es doch viel zu gefährlich“, sagt er.

Das wagen nur die echten Freaks wie Hawie. Er fuhr bereits in seiner Heimat Rennrad, seit 2007. Sein Rad hat er auch von zu Hause mitgebracht. „Ein paar Komponenten habe ich dann von hier aus online bestellt, die Lieferzeit beträgt meist einige Wochen“, sagt er. Wenn sie als Gruppe nachts trainieren, fährt stets ein Motorrad vorneweg. „Aus Sicherheitsgründen“, sagt Hawie.

Damit niemand auf der Felge fährt. Ein Arbeiter betreibt Flickwerk im einzigen Fahrradladen der Industrial Area von Doha.
Damit niemand auf der Felge fährt. Ein Arbeiter betreibt Flickwerk im einzigen Fahrradladen der Industrial Area von Doha.Foto: Mustroph

Weil sich Katars Autofahrer so schnell wohl nicht an Radfahrer gewöhnen werden, hofft die Gruppe philippinischer Radsportfreaks darauf, dass das Emirat bald in Infrastruktur investiert. „Wir wünschen uns einen Kurs, wie sie ihn bereits in Dubai haben. Dort gibt es einen Park mit 60 Kilometern allein für Radfahrer und Skater“, sagt Hawies Kumpel Arnais.

Vielleicht findet Arnais Gehör. Katars Radsportpräsident Sheikh Khaled Bin Ali Al Thani sagte im Gespräch mit dem Tagesspiegel zumindest: „Wir wollen nach diesem Großevent wieder zurück zu unseren Wurzeln. Die WM hat viele unserer Kräfte gebunden. Jetzt wollen wir Radsport stärker an den Schulen fördern, ein Velodrom bauen und Mountainbikestrecken einrichten.“ Ein großer Fahrradpark würde da gut ins Portfolio passen.

Und beim nächsten Sportgroßevent sollten die katarischen Gastgeber die potentiellen Zuschauer in den Arbeitercamps besser integrieren. Sie müssten sie nicht einmal mobilisieren. Sie müssten ihnen einfach mal freigeben. Oder wie Hawie es ausdrückt: „Organisiert die nächsten Rennen doch lieber an den Feiertagen.“ Dann gäbe es auch eine würdigere Stimmung an der Strecke für jemanden wie den Deutschen André Greipel, der am heutigen Sonntag Weltmeister werden will.

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