Rad-WM: Peter Sagan holt Titel : Deutsches Fiasko in der Wüste

Ein Moment der Unachtsamkeit, schon war der Traum vom ersten deutschen Weltmeister seit 1966 beendet. Nach einer verpassten Attacke waren die deutschen Sprintstars im Straßenrennen frühzeitig abgehängt.

Weltmeister Peter Sagan.
Weltmeister Peter Sagan.Foto: AFP

Frustriert, entkräftet und mit leerem Blick saß John Degenkolb in der Hitze von Doha weit vor Rennende auf dem Asphalt und suchte Schatten hinter einem Begleitwagen. Nicht viel besser erging es seinem Kollegen Marcel Kittel, der mit schmerzverzerrtem Gesicht in der deutschen Box verschwand. Der Traum vom ersten deutschen WM-Titel im Straßenrennen seit 1966 endete am Sonntag in einem Fiasko.

Schon in der Wüste war alles verloren. Nach einer verpassten Windkantenattacke hatten sich die Hoffnungen von Kapitän André Greipel und Co. auf die Nachfolge von Rudi Altig frühzeitig zerschlagen. Stattdessen holte sich am Sonntag bei Temperaturen von erneut über 35 Grad Vorjahressieger Peter Sagan aus der Slowakei nach 257,3 Kilometern erneut den Sieg vor dem Briten Mark Cavendish und dem Belgier Tom Boonen.

„Das war eine scheiß Saison dieses Jahr. Aber ich lebe noch, das Leben geht weiter“, sagte Degenkolb, den ein Defekt um alle Chancen gebracht hatte: „Das hat für mich alles entschieden. Ich weiß nicht, wie es ausgegangen wäre, wenn das nicht passiert wäre.“

Stundenlang jagten die deutschen Asse der entwischten Spitzengruppe hinterher und verschlissen ihre Kräfte, doch alle Mühe war vergebens. So fiel die Entscheidung ohne deutsche Beteiligung auf der künstlichen Insel „The Pearl“. Damit wartet Deutschland weiter auf den ersten WM-Triumph seit dem Erfolg des im Juni verstorbenen Altig auf dem Nürburgring vor 50 Jahren.

„Die Messlatte, Weltmeister zu werden, ist ziemlich hoch. Das ist ein Ziel, was ich mir in meiner Karriere gesteckt habe“, hatte Greipel vor dem Rennen gesagt. Doch schon nach 80 Kilometern war das Unterfangen nach einem Malheur auf der Schleife in der Wüste quasi vorbei. Bei einem Windrichtungswechsel attackierte eine von fünf Belgiern angeführte Gruppe, blitzschnell war ein Loch entstanden. Einzig Degenkolb war noch vorne vertreten, der Klassikerspezialist fiel aber kurz darauf wegen eines Defekts auch zurück. „Als es losging, hat es uns ein bisschen zerfetzt“, sagte Kittel.

So mussten Greipel, Degenkolb und Kittel auf dem Parcours, der einer Mondlandschaft glich, in der Verfolgergruppe schuften, um irgendwie den Anschluss herzustellen. Schlimmer hätte es kaum kommen können, denn die drei Helfer, darunter auch Zeitfahr-Weltmeister Martin mit seinem großen Motor, waren noch weiter abgeschlagen. Dagegen hatten Sieganwärter wie Cavendish und Sagan aufgepasst und waren vorne vertreten. Dabei sollten eigentlich Greipel und Kittel für ein mögliches Finale geschont werden.

Mit mehr als einer Minute Vorsprung ging die Spitzengruppe auf den Rundkurs. Und der Abstand wuchs weiter, fünf Runden vor Schluss waren es schon gut zwei Minuten. Martin war gar noch weiter zurück und gab frühzeitig auf. Unterdessen war es immer wieder Degenkolb, der in der Verfolgung attackierte und sich zwischenzeitlich mit einem störenden Belgier zoffte („Das war respektlos“). Dann war auch bei ihm der Akku leer, zusammen mit Kittel beendete er das Rennen. Einzig Greipel ging auf die letzten drei Runden.

Die Hitze spielte auch diesmal wie schon an den vergangenen Tagen eine große Rolle. Extra-Motorräder hatte die UCI ins Rennen geschickt, um die Fahrer mit Wasser zu versorgen. Dazu versuchten die Radprofis mit Eiswesten den Körper zu kühlen. Auf eine Streckenverkürzung hatte der Weltverband allerdings verzichtet. UCI-Chef Brian Cookson verwies darauf, dass in der WorldTour wie etwa bei der Tour Down Under ähnliche Verhältnisse herrschen.

Enttäuschend war erneut der Zuschauerzuspruch. Sind sonst bei Weltmeisterschaften hunderttausende Fans auf den Beinen, trauten sich diesmal nur mehrere hundert Zuschauer in den Zielbereich.

So ging für den Bund Deutscher Radfahrer eine ansonsten erfolgreiche WM ohne krönenden Schlusspunkt zu Ende. Fünf Medaillen holte das deutsche Team, darunter zwei goldene durch Tony Martin und U23-Starter Marco Mathis im Einzelzeitfahren. (dpa)

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