Sport : Radprofis Zabel und Ullrich keine Favoriten

Hartmut Scherzer

Walter Godefroot, der Chef des Teams Telekom, verkündete für die Deutschland-Tour der Radprofis eine bemerkenswerte Prognose: "Sicher ist nur, dass weder Zabel noch Ullrich gewinnen werden." Die Stars nur als Statisten? Alle anderen aber, wie tröstlich, hätten eine Chance. Also Rolf Aldag, Udo Bölts, Gian-Matteo Fagnini, Vorjahrssieger Jens Heppner, Jörg Jaksche und Andreas Klöden, der Geheimfavorit. So ist der Radsport: Die heimatliche Rundfahrt, die morgen in Bonn beginnt und am 1. Juni in Berlin endet, ist für die beiden deutschen Velostars kein Prestigerennen, sondern nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur Tour de France fünf Wochen später.

Der eine rollt sich nach einem blühenden Frühling und verdientem Kurzurlaub auf deutschen Landstraßen wieder ein, der andere versucht nach einem verhagelten Frühjahr, zweimonatiger Zwangspause und einem mühsamen Comeback in Südfrankreich wieder Tritt zu fassen und überflüssige Pfunde loszuwerden. Die Stichtage der Saison liegen für Zabel und Ullrich dreieinhalb Monate auseinander und bestimmen ihre Formkurve. Am 18. März gewann Zabel, wie geplant, zum dritten Mal den ersten Frühjahrsklassiker Mailand - San Remo. Am 1. Juli startet Ullrich in Futuroscope, um - so ist es geplant - zum zweiten Mal die Tour de France zu gewinnen. Nur: Bei Zabel lief alles nach Plan, bei Ullrich aber vieles schief.

"Erik ist von uns allen derjenige, der am meisten trainiert", sagt Udo Bölts. "Er bereitet sich am seriösesten vor und ist am stärksten im Kopf. Auch stärker als Jan. Erik besitzt die Psyche eines Champions, das unbedingte Wollen." Welten liegen derzeit noch zwischen Form, Ansprüchen und Zielen der beiden Telekom-Stars. Zabel hatte in Serie gesiegt, Ullrich serienweise abgesagt. Zabel eroberte und verteidigte das Weiße Trikot des Spitzenreiters im Weltpokal im Stil eines Champions. Ullrich ist bei der Vorbereitung auf den Kampf ums Gelbe Trikot in Frankreich durch Krankheit in Rennrückstand und Zeitverzug geraten wie noch nie.

Zabels Zwischenbilanz, als er sich nach zweieinhalbwöchiger Wettkampfpause zur Bayern-Rundfahrt wieder aufs Rennrad schwang: Zehn Siege, darunter in den Weltpokalrennen Mailand - San Remo und Amstel Gold Race. Ferner: Insgesamt 8013 Rennkilometer in vier Monaten. Jedes Rennen durchgefahren. Zabels weitere Vorbereitung auf die Tour: Nach Deutschland-Tour noch Luxemburg-Rundfahrt (8.- 11. 6.), Katalonien-Rundfahrt (15.-22. 6.) und Deutsche Meisterschaft (25. 6.). Sein Ehrgeiz: Nach zwei sieglosen Jahren wieder eine Tour-Etappe gewinnen und zum fünften Mal das Grüne Trikot des Punktbesten in Paris über die Champs Elysées tragen. Ullrichs Bilanz: Kein Sieg, zwei Aufgaben in nur vier Rundfahrten (Südafrika, Murcia, Tirreno-Adriatico, Midi Libre) mit 3786 Rennkilometern - 4227 km weniger als Zabel. Ullrichs weitere Termine bis zur Tour: Alpen-Klassiker (3. 6.), Tour de Suisse (13.-22. 6.), Deutsche Meisterschaft. Sein Ehrgeiz: "Eine gute Tour fahren und aufs Podium kommen." Viel hatte sich der Toursieger von 1997 schon für das Frühjahr vorgenommen. Zitate aus Interviews zu Saisonbeginn: "Frankfurt am 1. Mai ist mein Fixpunkt. Im April will ich keine Probleme in den Klassikern haben. Ich will mich bei den Weltcuprennen in guter Form präsentieren, ohne deswegen Siegesambitionen zu haben. Ich will nicht wie in den letzten Jahren im Gruppetto (abgehängter Haufen, die Red.) fast bitten müssen, dass sie langsam fahren, damit ich noch dabeibleiben kann."

Nun kam wieder alles anders als geplant. Doch: "Durch die Erfahrungen der letzten Jahre weiß ich, dass ich es noch schaffen kann, für die Tour in Form zu kommen", verspricht Ullrich. Bis dahin fehlten ihm noch dreißig Prozent seiner Leistungsfähigkeit, urteilte der Sportliche Leiter Rudy Pevenage nach dem Grand Prix Midi Libre mit dem Zusatz: "Jan muss noch hart arbeiten." Und abnehmen. Bei der Deutschland-Tour, beugt Jan Ullrich vor, könne er keine Lorbeeren ernten. "Da sind andere besser in Form." Erik Zabel zum Beispiel: "Ein Etappensieg sollte für mich drin sein."Mehr zum Thema unter

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