Radsport : Astana gegen Astana

Der Kampf der Teamkollegen Armstrong und Contador um den Tour-Sieg spitzt sich in Andorra zu.

Tom Mustroph[Andorra]
Astana Foto: dpa
Der Spanier Contador (l.) konnte Armstrong auf der siebten Etappe um 21 Sekunden abhängen. -Foto: dpa

Wo Lance Armstrong auftaucht, passiert immer mal wieder etwas Neues. Zumindest im Radsport. Die Rückkehr des Amerikaners hat die Verhältnisse im Profisport durcheinander gewirbelt, doch am stärksten betroffen davon ist ausgerechnet der Rennstall, dessen Trikot er bei den offiziellen Anlässen überstreift: Astana. Denn Armstrong hatte mit seiner eigenwilligen Attacke auf der dritten Etappe deutlich gemacht, dass er die Tour zum achten Mal gewinnen will – und dass er dies auch bewerkstelligen kann. Das aber will sein Teamkapitän Alberto Contador auch.

Auf der siebten Etappe auf dem Weg nach Andorra-Arcalis war der Bruch im Astana-Team offensichtlich. Alberto Contador demonstrierte seine Art der Problemlösung. Er attackierte entschlossen knapp einen Kilometer vor dem Ziel und enteilte. Dass Armstrong im Gesamtklassement trotzdem nur zwei Sekunden zurückliegt, hat er der Beihilfe von Cadel Evans zu verdanken. Der Australier nahm – aus selbstverständlichen eigenen Interessen – die Rolle ein, die Contador verweigert. Er hielt loyal zu Armstrong. Contador erklärte im Ziel zwar: „Das war keine Attacke gegen Lance Armstrong. Ich hatte gute Beine und wollte Zeit auf die anderen gewinnen.”

In einem seiner selteneren nachdenklichen Momente hat der Amerikaner erklärt: „Vor zwölf Monaten war ich mir sicher, dass ich es schaffen kann.” Erste Zweifel kamen ihm in der Phase der Vorbereitung, doch jetzt befindet er sich nach eigener Aussage „mit beiden Füßen auf dem Boden der Realität”. Dies bedeutet: Er ist sich der Schwere seines Vorhabens bewusst.

Der Spanier Alberto Contador hat schnell erfasst, dass sein Platz als bester aktiver Radprofi in Gefahr ist. Hatte er sich bis zur Tour noch eher abwartend gegenüber Armstrong geäußert, so wirft er ihm jetzt den Fehdehandschuh zwischen die Speichen. „Ich will diese Tour de France gewinnen. Lance Armstrong will sie auch gewinnen“, sagt er, „das Problem ist, nur einer von uns kann dieses Ziel erreichen.”

So war seine Attacke am Ende der siebten Etappe nicht abgesprochen. „Das war nicht unser Plan“, sagte Armstrong und fügte mit einem ironischen Unterton an: „Ich hab das aber schon geahnt. Deshalb war es keine Überraschung für mich.” Der Streit im Hause Astana sorgt für heftige Verwunderung unter der Radsportprominenz. „Es ist unglaublich, was da geschieht“, sagt der fünfmalige Toursieger Bernard Hinault. Vor einem knappen Vierteljahrhundert war der Franzose selbst in einer vergleichbaren Situation. Er war Kapitän, wurde aber von seinem aufstrebenden Helfer Greg LeMond attackiert. „Bei uns war das damals anders“, sagt Hinault, „wir haben das im Team geklärt. 1985 habe ich gewonnen. 1986 hat LeMond gewonnen und ich habe ihm dabei geholfen”, sagt er.

Hinault versteht nicht, dass Astana diesen Streit offen vor aller Augen führt. Wäre er selbst in der Situation der Fahrer, würde er sich aber kaum anders verhalten, gibt er zu. „Wäre ich Contador, würde ich attackieren. Wäre ich Armstrong, würde ich versuchen mitzuhalten“, sagt er. Nur an der Stelle des Teamchefs Johan Bruyneel möchte Hinault ganz und gar nicht sein. „Die Sache ist ihm aus der Hand geglitten. Er kann da gar nichts mehr entscheiden und muss zusehen, wie die Fahrer dies auf der Straße austragen”, glaubt er.

Das interne Astana-Duell löst inzwischen sogar kulturtheoretische Debatten aus. Spanische Journalisten vermarkten Contador als das neue frische Gesicht. Das US-Blatt „Sports Illustrated” hingegen veröffentlichte einen Essay über den „Kampf der Sportsysteme“. Das europäische wird dabei als eine von persönlichen Beziehungen geprägte und tendenziell korrupte Angelegenheit charakterisiert, während die Amerikaner als Verfechter eines offenen sportlichen Wettbewerbs gelten. Armstrong figuriert in diesem Text – trotz eines Absatzes über die gemeinsame Doping-Optimierung mit dem Arzt Michele Ferrari – als Bestandteil der vermeintlich sauberen amerikanischen Kultur.

Nun ja, im Gegensatz zur von Bernard Hinault favorisierten Absprache im Hinterzimmer hat der offen ausgetragene Konflikt tatsächlich seinen Reiz. Fraglich ist allerdings, ob der sich selbst nie an die Regeln der anderen haltende Lance Armstrong der geeignetste Teilnehmer für den idealen Wettbewerb ist.

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