Radsport : Ausgerollt

Nach neun Jahren hört Gerolsteiner auf. Nur zwischen den Zeilen ist zu erkennen, dass der Doping-Skandal bei dem Rückzug eine Rolle spielt. Den Profis droht nun die Arbeitslosigkeit.

Mathias Klappenbach
Gerolsteiner
Schwere Fahrt. In einem Jahr müssen die Radprofis von Gerolsteiner um ihren Job bangen. -Foto: ddp

Berlin – Nach schwierigen Entscheidungen, bei denen viele Argumente abgewägt werden mussten, klingt die zusammengefasste Begründung oft abenteuerlich. „Wir waren im Marketing bislang auf Mineralwasser konzentriert, so müssen wir uns zukünftig deutlich breiter aufstellen“, heißt es in der Erklärung des Getränkeherstellers Gerolsteiner, in der er gestern seinen Rückzug aus dem Sponsoring im Radsport erklärte. Der bis Ende 2008 laufende Vertrag wird zwar noch erfüllt, dann steht der Rennstall Gerolsteiner aber ohne Geldgeber da. Die Option für eine Vertragsverlängerung wird von dem Konzern nicht wahrgenommen.

Das Unternehmen wandele sich derzeit von einem Mineralwasserhersteller zu einem Anbieter „natürlicher, alkoholfreier Erfrischungsgetränke“, und mit der Erweiterung der Produktpalette müssten auch neue Kunden gewonnen werden, heißt es weiter. Der Radsport – jetzt kommt es dann doch – spiele „in der Faszination dieser Konsumenten nur eine untergeordnete Rolle“. Das ist die Marketingsprache für den eigentlichen Grund, der nebenbei auch noch genannt wird: „Die jüngsten Dopingereignisse sind demgemäß nicht die Grundlage der von Gerolsteiner getroffenen Entscheidung. Sie haben jedoch mit dazu beigetragen, die Kommunikationsplattform Radsport temporär zu entwerten.“

Das Team wurde Schritt für Schritt aufgebaut

Es war eine gute und für beide Seiten erfolgreiche Partnerschaft, die den Getränkehersteller und den Rennstallbetreiber Hans-Michael Holczer seit 1998 verbunden hat, deshalb ist die umständliche Begründung der Trennung verständlich. Holczer hat über die Jahre Schritt für Schritt ein Team aufgebaut, das seinen Bekanntheitsgrad und seine Beliebtheit und damit die des Sponsors kontinuierlich gesteigert hat. Seit 2003 nimmt die Mannschaft an der Tour de France teil, 2004 gelang Davide Rebellin ein historischer Erfolg, als er innerhalb einer Woche die drei Ardennenklassiker gewann.

Dieses Image will der Sponsor nicht beschädigen. Der verlässlich gute Partner Holczer und sein Team mit 50 Angestellten sollen ihr positives Image behalten in einem Umfeld, in dem viele Sponsoren derzeit aussteigen und es mehr als schwierig ist, neue zu finden. „Insbesondere vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen im Radsport nimmt die Öffentlichkeit das Team mit seinen vielen jungen, deutschen Fahrern als die Zukunft des Radsports und als Hoffnungsträger für den deutschen Radsport wahr“, sagt Gerolsteiner-Geschäftsführer Jörg Croseck.

Nicht nur Gerolsteiner zieht sich zurück

Dafür stehen die Gerolsteiner-Profis Markus Fothen, Stefan Schumacher und Fabian Wegmann tatsächlich. Es hört sich auch schön an, hilft den jungen Fahrern aber nicht weiter. Ihnen droht wie vielen Profis derzeit die baldige Arbeitslosigkeit. Die Pro-Tour-Teams Discovery Channel und Crédit Agricole ziehen sich zurück, in der zweiten Liga verliert das deutsche Team Wiesenhof seinen Sponsor, auch noch kleinere Geldgeber mit Namen wie „notebooksbilliger.de“ geben auf. Nur der Telekom ist es mit ihrer Kommunikationsmacht gelungen, zusammen mit den reuigen Sündern und ihren Geständnissen einen glaubwürdigen Neuanfang zu vermitteln. Das wäre bei Gerolsteiner anders gewesen, wo ein neuer Dopingfall das Renommée schwer beschädigt hätte.

Bei T-Mobile fällt es inzwischen gar nicht mehr ins Gewicht, dass gestern in Lorenzo Bernucci ein weiterer positiv getesteter Fahrer entlassen werden musste. T-Mobile führt sein Sponsoring weiter fort. „Wir werden nicht alles hinwerfen, weil Bernucci einen Appetitzügler benutzte. Das wäre nicht das, was wir unter Verantwortung übernehmen verstehen“, sagte Kommunikationsdirektor Christian Frommert.

Gerolsteiner hat keinen Kommunikationsdirektor, und Verantwortung für einen Dopingfall übernehmen musste das Team bislang nur einmal, beim umstrittenen positiven Test 2005 von Danilo Hondo. Damals hatte sich sogar der kompromisslose Doping-Jäger Werner Franke für Hondo, der entlassen wurde, eingesetzt. Hans-Michael Holczer ist einer derjenigen, die die Erneuerung des Radsports mit der größten Vehemenz betreiben. Aus einem einfachen Grund: Es soll weitergehen.

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