Radsport : Contador gewinnt Giro d’Italia

Alberto Contador gewinnt den Giro d’Italia als Schauspiel in drei Akten. Im Juli will er auch wieder die Tour de France gewinnen.

Tom Mustroph
Schon wieder Erster. Der des Dopings verdächtigte Alberto Contador war auch beim Giro d’Italia nicht aufzuhalten.
Schon wieder Erster. Der des Dopings verdächtigte Alberto Contador war auch beim Giro d’Italia nicht aufzuhalten.Foto: AFP

Pferde fallen. Reiter auch? Ein sprechenderes Bild als die abgestürzten Pferde der Installation „Montagna del Sale“ auf dem Mailänder Domplatz hätte der Giro d'Italia zu seinem Abschluss kaum finden können. Tifosi des AC Mailand hatten in den Siegesfeiern nach der gewonnenen Fußballmeisterschaft die im öffentlichen Raum platzierte Installation des Künstlers Mimmo Paladino beschädigt. Einige der hölzernen Pferde stürzten von dem großen weißen Salzkegel und sind jetzt mit rot-weißem Absperrband geschützt. Nur wenige Meter davon entfernt erhob sich das Siegerpodest, auf dem Alberto Contador die Ehrungen entgegennahm.

Die Versuchung, den Anblick der lädierten hölzernen Vierbeiner als ein Vorzeichen für die nahe Zukunft des Karbonradritters Alberto Contador zu lesen, ist groß. Gegenwärtig befindet sich der Spanier noch auf dem Gipfelpunkt seiner Laufbahn.

„Er ist die Nummer 1 unter den Fahrern, die ich jemals hatte“, sagte Contadors Teamchef Bjarne Riis. Niemand würde hier Riis widersprechen wollen. Zu souverän war die Vorstellung des Spaniers. In einem Schauspiel in drei Akten demoralisierte er nicht nur seine Konkurrenz. Er leitete zugleich seine eigene Metamorphose von einem schmallippigen, wenig geschätzten Siegfahrer in einen zu großen Gesten fähigen Tribun ein. Wenngleich nicht unumstritten, so war es doch beeindruckend.

Im ersten Akt warf Alberto Contador all die seit Jahren zu goldenen Regeln geronnenen taktischen Rücksichten über den Haufen. Er attackierte wie ein übermütiger Welpe in den Flanken des Vulkan Ätna.

In den wie Drachenzähne in den Himmel aufragenden Bergspitzen der Dolomiten ließ Contador an den steilsten Stellen seine mageren Schenkel wie die Pleuelstangen eines auf Dauerbetrieb gestellten Motors arbeiten und distanzierte erneut die Konkurrenz. Die Begleiter, die er fand, belohnte er für geleistete Führungsarbeit mit Etappensiegen.

Beim dritten Akt verhalf der Kapitän des Teams Saxo Bank aus purer Dankbarkeit für Helferdienste im vergangenen Jahr dem Astana-Mann Paolo Tiralongo zum Etappensieg. Es war der erste Sieg des Italieners in zwölf Profijahren und damit ein echtes Aschenputtelmärchen. Fortan verstummten all die Pfiffe, die zuvor dem unter Dopingverdacht stehenden Siegeskannibalen gegolten hatten.

Contador fasst nun die nächste große Operation ins Auge. Weil sich das Verfahren des Sportgerichtshofs Cas über seine positive Dopingprobe bei der letzten Tour de France voraussichtlich bis in den Herbst hinziehen wird, strebt er im Juli in Frankreich die Titelverteidigung an. „Man kann zwei unmittelbar aufeinanderfolgende Rundfahrten gewinnen", kündigte er unverholen an – je nach Ausgang des Verfahrens könnten ihm dann zwei Toursiege und der beim Giro auf einmal aberkannt werden. Die innere Notwendigkeit eines Dramas kann nach fünf Akten verlangen.

Wenn die Organisatoren der Tour auf einer Wellenlänge mit Giro-Boss Angelo Zomegnan funken, fährt er mit. „Alberto Contador hebt die Qualität des Ereignisses. Es ist besser, Contador zu haben, als ihn nicht zu haben“, sagte Zomegnan dem Tagesspiegel. Glaubwürdigkeit gehört offensichtlich nicht zu den Kriterien eines solchen Radsportereignisses. Auch das ist eine Lehre des 94. Giro d'Italia.

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