Sport : Radsport: Der Fluch des Favoriten

Hartmut Scherzer

Das ist der Fluch des Favoriten: Er kommt nicht weg. Diese nicht neue Erfahrung holte Jan Ullrich bei der Straßenweltmeisterschaft in Lissabon wieder einmal ein. Es kam zum unerwarteten Massenspurt, und der Zeitfahrweltmeister landete auf dem 13. Rang. Doch auch der Joker der deutschen Mannschaft für diesen Fall stach nicht. Dazu fehlte Erik Zabel nach 254,1 schweren Kilometern und 6:07:21 Stunden auf dem bergigen Kurs die Frische. Der Frischeste und Schnellste im Endspurt war der Spanier Oscar Freire, der nach 1999, damals noch als krasser Außenseiter, zum zweiten Mal ins Regenbogentrikot schlüpfte.

Erik Zabel, der eigentlich die WM gar nicht geplant hatte ("Ich mache übers Wochenende einen Familienausflug nach Lissabon") wurde hinter dem Italiener Bettini, dem Slowenen Hauptmann und dem Holänder Dekker Fünfter - und lächelte sogar glücklich. Denn dieser Platz auf dem anspruchsvollen Kurs ist für den Sprinter letztlich noch ein toller Erfolg. "Ich hatte mir auf diesem Kurs, der einen Tick zu schwer für mich war, nur zehn Runden gegeben und gedacht: Dann gucke ich mir das Rennen in der Box im Fernsehen an", erzählte Zabel. "Doch zum Schluss war ich auf einmal immer noch dabei. Aber der Akku war leer."

Jan Ullrich lächelte süßsauer im dichten Gedränge der deutschen Box und bedauerte mehr seinen Teamkameraden als sich selbst. "Schade, dass es bei Erik nicht gereicht hat. Es ist ein bisschen schlecht gelaufen für uns." Er habe in den letzten beiden Runden an den Steigungen "drei-, viermal probiert" wegzukommen und habe "richtig durchgezogen". "Alle fahren bis zu mir ans Rad, und dann übernimmt keiner die Führung. Mit mir will keiner fahren." Das sei nun einmal sein großer Nachteil. Leider sei zum Schluss nur noch Zabel mit ihm in der großen Spitzengruppe gewesen. Bis auf Matthias Kessler hatten alle deutschen Helfer aufgegeben.

Die Italiener waren trotz des zweiten Platzes wieder einmal die großen Verlierer. Seit nunmehr neun Jahren. Sie hatten mit ihrer mächtigen "Squadra" das Rennen weitgehend unter Kontrolle, waren sich aber wieder einmal uneins. Als Ullrich an der letzten Steigung angriff, sich Richard Virenque ans Hinterrad klemmte, der Deutsche den Versuch wieder abbrach, startete Giro-Sieger Gilberto Simoni eine Konterattacke und stürmte davon. Doch wer holte ihn zurück? Ein Italiener, Paolo Lafranchi. Unfassbar!

Die Taktik der Spanier für ihren schnellsten Mann war aufgegangen. Beim Spurt hatte Zabel, der auf der 17. Runde durch einen Hinterraddefekt aufgehalten worden und allein wieder zum Peloton hingefahren war, zunächst als Zweiter hinter Dekker die günstigste Ausgangsposition. "Normal komme ich da vorbei, aber ich habe schon beim Antritt gemerkt: das wird verdammt schwer", schilderte Zabel das Finale. "Zweimal bin ich aus dem Sattel, habe dann den Spurt für mich abgehakt. Um diese große Chance, Weltmeister zu werden, zu nutzen, hätte ich wirklich frischer sein müssen." Dennoch hat sich die Mühsal gelohnt. Erik Zabel erhält für den fünften Platz 160 Punkte und dehnte damit seinen Vorsprung auf Platz eins der Weltrangliste gegenüber dem Italiener Davide Rebellin (32.) auf 426 Punkte aus. Damit steht so gut wie fest, dass der 31-Jährige als die Nummer eins der Welt die Saison beenden und überwintern wird.

Als erster deutscher Helfer hatte Grischa Niermann seine Arbeit nach der achten Runde eingestellt. "Keine Luft mehr. Absoluter Stillstand", kommentierte er den "krönenden Abschluss einer beschissenen Saison". Immerhin blieb dem 25-jährigen Hannoveraner damit eine mögliche "präkere Situation" erspart, "gegen meine Teamkameraden und Freunde Michael Boogerd oder Erik Dekker fahren zu müssen". Niermann hatte eingeräumt: "Das hätte schon arge Probleme gegeben." Schließlich verdiene er sein Geld in Holland bei Rabobank und nicht in Bonn bei Telekom. Nach der 16. Runde stiegen auch Andreas Klier, Stephan Schreck und Chrisitan Werner vom Rad, Danilo Hondo, Jörg Jaksche, Jens Voigt, Rolf Aldag und Kai Hundertmarck folgten ihm in den nächsten fünf Runden. Zum Schluss waren Ullrich und Zabel im großen Feld der 45 allein.

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