Radsport : Die Tour de France und der Erste Weltkrieg

Entlang der fünften Etappe passierte das Peloton 18 Gedenkorte, Massengräber und Museen.

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Abseits des Pelotons. Der britische Fahrer Christopher Froome (2. v.l.) legt Blumen an einem Gedenkort nieder.
Abseits des Pelotons. Der britische Fahrer Christopher Froome (2. v.l.) legt Blumen an einem Gedenkort nieder.Foto: dpa

Nicht rote Punkte auf weißem Grund prägten die fünfte Etappe der Tour, sondern stilisierte rote Mohnblüten auf weißem Textil oder Papier. Von Weitem mochten die Fähnchen, die viele Zuschauer in den Etappendurchfahrtsorten Pozières, Thiepval und Albert in den Händen hielten, und die T-Shirts, in die sie gekleidet waren, an das gepunktete Trikot des Bergkönigs der Tour erinnern. Wer genauer hinguckte, entdeckte jedoch die Blütenform. Blühender Mohn ist nach dem Gedicht „In Flander’s Fields“ des kanadischen Kriegsteilnehmers John McCrae das Symbol für die Opfer des Ersten Weltkriegs.

Nahe Verdun wurden die Lautsprecher abgestellt

Dass dieser Mohn so zahlreich am Rande der Tour de France auftauchte, liegt in einem groß angelegten Erinnerungsprojekt der Tour-de-France-Organisatoren begründet. Bereits im letzten Jahr legten sie anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Beginns des Ersten Weltkriegs mehrere Etappen der ersten Tourwoche über die Schlachtfelder in Flandern und Nordfrankreich. Wichtigster Ort war damals das Gräberfeld von Verdun. Mehr als 700 000 Opfer forderte diese Schlacht. Der Werbekarawane waren die Lautsprecher abgestellt, als sie diese Gegenden passierten.

Fahrradsoldaten fuhren zum Einsatz

In diesem Jahr wählten die Streckenplaner der Tour die Felder der Somme-Schlacht aus. Sie gilt mit 1,2 Millionen Opfern als die verlustreichste überhaupt des Ersten Weltkriegs. Detailliertes Wissen um diese im Juli 1916 begonnen Schlacht zwischen deutschen Truppen und denen des britischen Empire vermittelt das Museum in Albert, einem der Durchfahrtsorte der Etappe. Tief unter der Erde sind hier Schützengräben angelegt. Der Alltag der Soldaten verschiedenster Nationen wird gezeigt. Auf historischen Fotos ist auch zu sehen, wie Fahrradsoldaten zum Einsatz fuhren.

Fahrradbataillone spielten gerade für Frankreich eine große Rolle

Vor allem aufseiten Frankreichs spielten Fahrradbataillone eine größere Rolle. Der ehemalige Toursieger Lucien Petit-Breton (Sieger 1907 und 1908) versah hier Kriegsdienst. Er gehört zu den insgesamt 48 früheren Tourteilnehmern, die laut Angaben der ASO auf französischer Seite ihr Leben ließen. Ein Transparent am Rande der 5. Etappe erinnerte an sie.

Merkwürdig begegneten sich Erinnerungskultur und heutige Spektakelgesellschaft aber, als im Örtchen Pozières, wo ein Panzerdenkmal an den historisch ersten Einsatz dieser Waffe im Krieg erinnert, vor einem Nachbau dieses Panzers ein Wagen der Merchandisinghändler der Tour hielt und Trikots und Winkpappen offerierte. Erschreckt ließen die Zuschauer, die die Fähnchen mit den Mohnblüten hielten, ihre Hände sinken.

Der Veranstalter nimmt die Tour als Kulturgut ernst

Trotz kleinerer Kollisionen wie dieser ist die Initiative der ASO aber bemerkenswert. Der Rennveranstalter nimmt die Rolle der Tour als nationales Kulturgut ernst – und blickt dabei über nationale Grenzen. Denn es werden Opferstätten für Franzosen und Briten, Deutsche, Kanadier, Australier und Südafrikaner angefahren.

Die Tour selbst ist eng mit dem Ersten Weltkrieg verknüpft. Am selben Tag, an dem die Startschüsse zur Tour de France 1914 fielen, erschoss im fernen Sarajevo Gavrilo Princip den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und leitete so den Ersten Weltkrieg ein. Bis zum Beginn der Mobilmachung war aber noch so viel Zeit, dass tatsächlich die Tour zu Ende gefahren wurde.

Zwei Tage nach der Siegerehrung erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Am 3. August marschierten deutsche Truppen in Belgien ein. Dass Fans dem aktuellen Gesamtführenden Tony Martin vom belgischen Rennstall Etixx Quickstep den Kampfnamen „Panzerwagen“ verliehen haben, darf man je nach Perspektive als Entgleisung werten oder auch als Hinweis darauf, wie sehr die Schlachten vor 100 Jahren aus dem kollektiven Bewusstsein verschwunden sind.

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