Sport : Radsport: Die Wiederkehr des Sünders

Hartmut Scherzer

Was für ein Comeback: Richard Virenque, der einstige Dopingsünder des Festina-Skandals bei der Tour de France 1998 - erst vor sieben Wochen nach einer Sperre von neun Monaten im neuen, belgischen Team Domo Farm-Frites auf die Rennstrecke zurückgekehrt - hat den 95. Herbstklassiker Paris - Tours gewonnen. Der 31 Jahre alte Franzose rettete nach einer bravourösen Flucht über 230 Kilometer einen minimalen Vorsprung auf der Avenue de Grammont über die Ziellinie. Nach 6:58:32 Stunden waren von einmal einer Viertelstunde gerade zwei Sekunden übrig geblieben. Virenque zählt in dieser Form nun zu den Favoriten der Weltmeisterschaft am nächsten Sonntag in Lissabon.

Das Ergebnis mutete irgendwie grotesk an: Der einstige Bergkönig der Tour de France war im traditionellen Sprintklassiker der Erste und feierte ausgerechnet im Flachland seinen ersten Sieg in einem Klassiker und Weltpokalrennen. Der Franzose spürte den Atem der Meute auf den letzten hundert Metern. Sie hatten ihn gehetzt, aber nicht mehr erwischt. Virenque hatte wie ein Löwe gekämpft, er richtete sich unter dem Jubel seiner Landsleute schon vor dem Zielstrich auf, streckte den rechten Zeigefinger in die Höhe, ballte beide Fäuste, schrie seine Freude hinaus. In seinem Rücken spurteten die Spezialisten um die Plätze fürs Podium, um wichtige Punkte für den Weltpokal und die Weltrangliste. Der Weltranglisten-Erste Erik Zabel wurde Dritter hinter dem einstigen Weltmeister Oscar Freire (Spanien) und strahlte wie nach seinem Sieg in Tours vor sieben Jahren. "Ich bin aufs Podium gekommen, habe meinen Vorsprung in der Weltrangliste vergrößert und meinen zweiten Platz im Weltpokal gefestigt. Was will ich mehr?" Zabel vergaß aber nicht, dem prominenten Überraschungssieger seinen Respekt zu zollen: "Virenque ist stark gefahren. Ich hatte es nicht für möglich gehalten, dass er ankommt." Der heftige Wind war zuvor der härteste Gegner der Fahrer gewesen. Und natürlich die lange Distanz von 254,5 Kilometern.

Dennoch trotzten kurz nach dem Start Virenque und Jacky Durand dem steifen Gegenwind, der ihnen mit einer Stärke von 40 Kilometern pro Stunde ins Gesicht blies, und stampften durchs Val de Loire davon, vorbei an imposanten Schlössern. Bis auf Ralf Grabsch hatte Zabel dieselben Helfer wie zuletzt bei der Vuelta an seiner Seite: Aldag, Hondo, Hundertmark, Klier, Schaffrath und Schreck. "Die Truppe ist die Spanien-Rundfahrt komplett zu Ende gefahren, hatte eine Woche Pause. Die Fahrer haben noch gute Moral und genügend Kraft", meinte der sportliche Leiter des Teams Telekom, Mario Kummer.

Vierzig Kilometer vor dem Ziel spannten sich alle acht Magenta-Fahrer vor das Feld und bliesen zur Aufholjagd. Ein Ausreißerquartett mit dem Vorjahrssieger Andrea Tafi holten sie ein, ebenso den Franzosen Jacky Durand, zudem machten sie sämtliche Attacken des Weltcup-Ersten Erik Dekker oder des Italieners Michele Bartoli zunichte. Für den großen Kämpfer Virenque reichte es allerdings nicht mehr.

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