Radsport : Droh- und Klage-WM in Stuttgart

Winkelzüge, Klagen, einstweilige Verfügungen - der Sport spielt kaum mehr eine Rolle. Die Rad-Weltmeisterschaften in Stuttgart verkommen zu einer juristischen Schlammschlacht.

Benjamin Haller,Andreas Zellmer[dpa]
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Hat einiges ins Rollen gebracht: Paolo Bettini -Foto: AFP

Stuttgart/VenedigDie Ausrichter-Stadt machte ihre Drohung wahr und klagte gegen einen WM-Start der italienischen Spitzenfahrer Paolo Bettini und Danilo di Luca. "Wir haben beim Landgericht Stuttgart die Einstweilige Verfügung eingereicht", sagte Sportbürgermeisterin Susanne Eisenmann. Zudem forderte sie die Abreise des BDR-Vizepräsidenten Udo Sprenger von der WM, gegen den in der ARD-Sendung "Panorama" neue Vorwürfe erhoben wurden. Titelverteidiger Bettini drohte unterdessen seinem des Dopings überführten Kollegen Patrik Sinkewitz wegen angeblicher Anschuldigungen mit der Einreichung einer Schadenersatzklage.

"Ich hoffe, du hast Beweise für das, was du gesagt hast. Ansonsten ist das, was du T-Mobile schuldest, nichts dagegen", sagte Bettini laut "La Gazzetta dello Sport" in einem Telefongespräch mit Sinkewitz. Nach ZDF-Informationen hat der Hesse Bettini belastet, ihm das Dopingmittel "Testogel" besorgt zu haben.

Die Staatsanwaltschaft Bonn teilte mit, dass der Italiener nicht verhört worden sei. "Es hat keine Vernehmung gegeben", sagte Sprecher Fred Apostel und korrigierte damit Angaben eines UCI-Sprechers, der von einem Verhör durch die Stuttgarter Polizei gesprochen hatte. Es wurde lediglich eine Nachfrage an Bettini im Beisein eines Beamten des Bundeskriminalamtes durchgeführt. Durchsuchungen im Lager von Bettini habe es nicht gegeben.

Wie bindend ist eine Ehrenerklärung?

Doch zunächst stehen Bettini selbst sowie Giro-Sieger di Luca, gegen den in Italien wegen Dopings ermittelt wird, im Mittelpunkt eines Streits zwischen der UCI und der Stadt Stuttgart. Denn Bettini hat die Ehrenerklärung für einen sauberen Sport nicht unterschrieben. Dies ist nach Ansicht der Ausrichter-Stadt - im Gegensatz zur UCI - gemäß einer Ende Juli verabschiedeten Vereinbarung Bedingung für einen WM-Start. "Wir lassen juristisch bewerten, ob die Unterschrift unter die Vereinbarung bindend ist und in den Fällen Bettini und di Luca dazu analog gehandelt werden muss", sagte Eisenmann. "Wir werden unsere Position verteidigen. Wir haben eine andere Interpretation", entgegnete UCI-Chef Pat McQuaid, der die Diskussionen in Deutschland nicht ganz nachvollziehen kann. "Ich denke, dass sie hier manchmal zu weit gehen."

Eisenmann forderte die Demission Sprengers. Der anonyme ARD-Zeuge, der Sprenger im Juni beschuldigt hatte, als Teamleiter der Equipe "Nürnberger" eine schwarze Doping-Kasse geführt zu haben, hat sich inzwischen an den WM-Ombudsmann Reiner Buchert gewandt. Der ehemalige Polizeipräsident von Offenbach bewertete die Aussagen als glaubhaft und berichtete, der Zeuge sei massiv bedroht worden. Seit Juni ermittelt die Staatsanwaltschaft Wiesbaden gegen Sprenger, nachdem der Verbands-Vize seinerseits Klage gegen unbekannt erhoben hatte.

"Das ZDF ist mit sich selbst im Gespräch"

In der Auseinandersetzung mit der UCI verspürt Eisenmann Rückenwind durch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). "Diejenigen schätzen den Wert der Vereinbarung höher ein als McQuaid", sagte die resolute CDU-Politikerin. Zwar fühle sie sich vom Weltverband "weder reingelegt noch auf den Arm genommen: Doch es ist ein Stück weit Enttäuschung und Unverständnis". Da sie weiterhin den Verlust von Sponsorengeldern und einen TV-Ausstieg (Eisenmann: "Das ZDF ist mit sich selbst im Gespräch") befürchtet, behielt sie sich eine Schadenersatzklage gegen die UCI ausdrücklich vor.

Sie habe "absolut Verständnis" dafür, dass Schäuble den Bundeszuschuss in Höhe von rund 150.000 Euro vorerst eingefroren habe, obwohl Stuttgart über den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) Zuschussempfänger sei: "Treffen tut es letztendlich uns." Die WM-Organisationschefin erwartet bis morgen eine Entscheidung des Landgerichts. Das Straßenrennen der Männer findet am Sonntag statt.

Bettini zu Sinkewitz: "Ich dachte, du bist mein Freund"

Eine Klage droht auch Sinkewitz, der Bettini als Doping-Boten beschuldigt haben soll. Nach Angaben von Sinkewitz-Anwalt Michael Lehner hat sein im August von T-Mobile entlassener Mandant jedoch nur eine streng vertrauliche Erklärung zu seinem Doping-Fall abgegeben, aus der das ZDF offensichtlich zitierte. Bettini hat laut "La Gazzetta dello Sport" Sinkewitz am Mittwochabend kurz vor dem Abflug zur WM nach Stuttgart vom Flughafen Venedig aus angerufen. Nachdem Sinkewitz die Doping-Anschuldigungen gegen ihn am Telefon bestritt, sagte Bettini nach Angaben der Zeitung: "Gib ein Dementi heraus, ansonsten musst du die Konsequenzen tragen." Der Italiener schien tief enttäuscht von seinem ehemaligen Kollegen. "Ich dachte, du bist mein Freund. Aber wenn du das gesagt hast, bist du es nicht mehr."

Sinkewitz und Bettini waren gemeinsam Team-Mitglieder der Profi-Mannschaften Mapei und Quick Step, bevor Sinkewitz 2005 zu T-Mobile wechselte. Die Bonner entließen Sinkewitz, nachdem während der Tour de France ein positiver Doping-Test bekannt geworden war. Er hatte im Juni in der Tour-Vorbereitung das verbotene Testosteron-Präparat "Testogel" benutzt.

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