Radsport : Ein hartes Rennen

Die Wettbewerbe bei Olympia zeigen die gesamten Probleme der Sportart gebündelt auf. Radsport-Helden werden bei den Spielen dagegen nicht geboren, die Strahlkraft einer Goldmedaille liegt weit hinter der eines Sieges bei der Tour de France.

Mathias Klappenbach
Peking 2008 - Radsport
Immer an der Wand entlang. Fabian Wegmann, Jens Voigt and Stefan Schumacher trainieren an der Chinesischen Mauer.Foto: dpa

Vielleicht wird es ja so dramatisch wie 1960. 45 Grad heiß war es in Rom, und der Asphalt verschwamm vor den Augen der Radfahrer. Dennoch hatten sich zwei von ihnen vom Feld abgesetzt und quälten sich über den 14,5 Kilometer langen Rundkurs. Dann zog der Russe Viktor Kapitanow kurz vor dem Ziel den Sprint an. Dachte er. Denn es war erst die vorletzte Runde, Kapitanow hatte in der Hitze den Überblick verloren. Der Italiener Livio Trapé nutzte den Kraftverlust Kapitanows und setzte sich ab. Doch der Russe gab nicht auf. Das Feld im Nacken und Trapé vor sich, kämpfte er sich Meter um Meter wieder heran. Und gewann das wohl dramatischste Straßenrennen bei Olympia mit einer Reifenbreite Vorsprung.

Die Strecke ist einer der schwersten, die je im olympischen Programm waren

An diesem Samstag, im olympischen Straßenrennen der Männer, werden die Bedingungen ähnlich hart sein. Die 245 Kilometer lange Strecke ist eine der schwersten, die je im olympischen Programm waren, die abschließenden sieben Runden haben auch noch einen schweren Anstieg. „Das Klima ist extrem. In meinen schlimmsten Albträumen hatte ich es so befürchtet“, sagt Stefan Schumacher. Der zweimalige Etappensieger und Träger des Gelben Trikots der Tour de France ist die deutsche Medaillenhoffnung im Straßenrennen und vor allem im Zeitfahren, für eine neue Heldengeschichte taugt er aber nicht. Das liegt nicht nur daran, dass man anders als 1960 heute genau wissen will, wodurch die Sportler ihre Leistungen erreichen, und Schumacher wegen seiner Tabletten-Affäre 2005, auffälligen Blutwerten kurz vor der WM 2007 und Amphetamin im Blut nach einem Autounfall nicht ganz unverdächtig ist. Konkret liegt aber nichts gegen ihn vor, und die ganze Unübersichtlichkeit im Radsport zeigt sich an der Tatsache, dass der Bund Deutscher Radfahrer Schumacher nominierte, Andreas Klöden jedoch nicht. Der fährt zwar für das verdächtige Team Astana, positiv getestet wurde er aber nicht. Und Klöden hätte auf der harten Strecke sicher größere Chancen gehabt als der an seiner Stelle nominierte junge Sprinter Gerald Ciolek.

Ein Radsportheld wird man bei Olympia nicht

Ein Radsportheld wird man bei Olympia ohnehin nicht. Ein Olympiasieg im Straßenrennen ist ebenso wie der Weltmeistertitel für jeden Fahrer zwar ein großer persönlicher Triumph, mit der Strahlkraft eines Sieges bei einer dreiwöchigen Rundfahrt ist er aber nicht zu vergleichen. Die vielen Medaillen deutscher Fahrer auf der Bahn sind ohnehin schnell wieder vergessen, aber selbst an den Olympiasieg Jan Ullrichs 2000 erinnern sich weniger Menschen als an seinen Sieg bei der Tour de France 1997. 1988 siegte übrigens Olaf Ludwig für die DDR.

Hinzu kommt, dass zwei Wochen nach dem Ende der Tour de France passend zum Olympia-Auftakt wohl noch ein weiterer Dopingfall vorliegt, der Name des fünften Sünders ist noch nicht bekannt. Was sollte da in Peking eigentlich anders sein? Sicher, es wird streng kontrolliert, der Tour-Gewinner Carlos Sastre und Favorit Alejandro Valverde etwa mussten in den vergangenen Tagen zweimal Blut- und Urinproben abgeben. Das sind allerdings die großen Stars bei den Männern.

Wie allgegenwärtig die Zweifel sind, zeigt eine kleine Geschichte von den bisher wenig mit Doping belasteten Radfahrerinnen. Wer zu den guten Athleten mit dem Mountainbike gehört, ist in der Regel 30 oder etwas älter. Denn hier ist Erfahrung noch wichtiger als mit dem Rennrad auf der Straße oder im Holzoval der Bahn. Umso mehr war die Konkurrenz verwundert, als im vergangenen Jahr plötzlich drei junge Chinesinnen im Weltcup der Mountainbikerinnen auftauchten und vorne mitfuhren.

Die drei waren erst 21, 22 und 25 Jahre alt und fuhren vor allem dann vorneweg, wenn die Strecke asphaltiert war und bei Anstiegen vor allem Ausdauer gefragt war. Wurde es technisch anspruchsvoller und waren mehr Steuerungskünste gefragt, konnten die unerfahrenen Sportlerinnen nicht mehr so gut mithalten. Der Kurs in Peking, und das ist dann keine Überraschung, kommt ihnen allerdings entgegen. „China war in Radsportdisziplinen noch nie stark. Plötzlich kommen diese Chinesinnen und gewinnen die Rennen. Alle in der Szene sind überrascht“, sagte Achim Schmidt, der Dopingexperte der ARD.

Es überrascht schon ein bisschen, dass sich ein Experte davon überraschen lässt.

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