Radsport : Eine Million Kilometer...

...und ein paar Runden: Erik Zabel verabschiedet sich beim Sechstagerennen in Berlin endgültig vom Radsport.

Lars Spannagel
98. Berliner Sechstagerennen
Auf Abschiedstour. Erik Zabel.Foto: ddp

Berlin - Herbert Watterott hat an diesem Abend schon Weltmeister und Olympiasieger angekündigt, mit dramatisch angehobener Stimme. Doch für einen Fahrer hat sich der Hallensprecher des Berliner Sechstagerennens und langjährige Radsportexperte der ARD seine Luft noch aufgehoben. „Bitte begrüßen Sie mit mir den erfolgreichsten aktiven Radsportler der Welt, mit 212 Siegen auf der Straße, 14 Starts bei der Tour de France, mehr als einer Million Kilometer auf dem Rad ...“ Watterotts Aufzählung wird vom Jubel des Publikums übertönt, die Pointe seiner Ansage muss er fast ins Mikrofon brüllen: „Zum ersten und zum letzten Mal in Berlin dabei: Erik Zabel!“ Zabel winkt in die Menge, der Hallen-DJ spielt einen Mitklatsch-Techno mit dem Refrain: „Es gibt nur ein’ Erik Zabel.“ Dann muss auch Zabel in die Pedale treten. Auch wenn es an diesem Abend immer im Kreis geht, ein Ende ist für ihn in Sicht: Ab Dienstag wird Erik Zabel kein Radprofi mehr sein.

Fotoapparate blitzen, wenn der 38-jährige gebürtige Berliner an den Tribünen vorbeirollt. Die meisten der Zuschauer kennen Zabel aus dem Fernsehen und waren bei seinen elf Tour-Etappensiegen live dabei. Und sie haben auch gesehen, wie Zabel im Mai 2007 unter Tränen gestand, elf Jahre zuvor Doping mit Epo ausprobiert zu haben. Die deutschen Radsportfans haben Zabel schnell verziehen. Bereits Tage nach dem Geständnis wurde er bei der Bayern-Rundfahrt gefeiert, seinen Vertrag beim Team Milram durfte er behalten. Wenn Zabel im Velodrom antritt, schwillt das Pfeifen und Klatschen auf den Rängen ohrenbetäubend an. Auch Herbert Watterott ist sofort hellwach. „Jetzt greift Zabel höchstpersönlich an“, sagt er dann. Oder: „Kein Geringerer als Ete Zabel schiebt sich nach vorne.“

Mit seinem Partner Robert Bartko fährt Zabel gut mit, aber nicht überragend. Als er im Derny-Rennen den Sieg knapp verpasst, sagt ein Mann im Publikum zu seinem Nachbarn: „Der Zabel soll mal ein bisschen Gas geben, der alte Mann.“ Während die Sieger Blumensträuße überreicht bekommen und für Fotos posieren, klettert Zabel vom Rad und stakst auf seinen Radfahrschuhen die wenigen Schritte ins Fahrerlager. Zwischen nassen Handtüchern, verschwitzten Trikots, Kühlboxen und Werkzeugkoffern bleiben ihm nur wenige Minuten bis zum nächsten Rennen. Zabel setzt Helm und Schutzbrille ab, zieht die Handschuhe aus. Während die anderen Fahrer sich massieren lassen oder einfach erschöpft herumliegen, hat Zabel als Star auch Pflichten. Er muss die Nachwuchs-Radsportlerin des Jahres ehren, danach hat er kaum Zeit, seine Brille zu putzen und zurück aufs Rad zu steigen. In der nächsten Pause schauen TV-Moderator Gerhard Delling und Ex-Profi Olaf Ludwig auf ein Wort vorbei. Ein Fernsehteam will ein Interview, ein Autogrammjäger hat es in den Innenraum des Velodroms geschafft. Als der Gaststar des Abends, Wolfgang Petrys Sohn Achim, seine Schlager schmettert, kann Zabel ein bisschen länger durchatmen. Doch als Petry als Zugabe zum zweiten Mal „Hölle, Hölle, Hölle“ singt, rollen sich die Profis schon wieder warm. Einige Fahrer animieren das Publikum im Vorbeifahren zum Mitklatschen, Zabel dreht stoisch seine Runden – die große Show war nie seine Sache.

„Ein Lebensabschnitt geht zu Ende“, sagt Zabel, wenn man ihn auf seinen Abschied vom Radsport anspricht. „Ich habe es so geplant, dass es ein sanfter Übergang wird.“ Er wird für das Team Columbia als Sprint- und Jugendtrainer arbeiten. „Auf Fahrten im Regen und bei Kälte kann ich gut verzichten.“ Und was wird ihm am meisten fehlen? Zabel zögert, als hätte er über diese Frage noch nie nachgedacht. „Das weiß ich nicht“, sagt er dann. „So weit ist es ja noch nicht.“ Dann muss er wieder los, Herbert Watterott kündigt bereits die zweite Jagd des Abends an.

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