Radsport : Eine Mission wird zur Show

Radprofi Lance Armstrong startet in Australien ein Comeback – angeblich um gegen Krebs zu kämpfen.

Anke Myrrhe[Adelaide]
Lance Armstrong
Hochtrainierter Missionar: Das frühere Krebsopfer Armstrong kehrt als Radprofi zurück. Nicht jeder freut sich darüber. -Foto: dpa

Einige Minuten bevor der Hauptdarsteller des Nachmittags den Raum betritt, wird sein Arbeitsgerät hereingetragen. Überwiegend schwarz ist es, und in gelben Lettern steht „Livestrong“ darauf, neben zwei Zahlen, über die Lance Armstrong in den vergangenen Tagen oft gesprochen hat: 1274 und 27,5. Es ist jenes Fahrrad, auf das der Radprofi am Dienstag zum ersten Mal wieder steigen wird, um bei einem internationalen Rennen anzutreten. Dreieinhalb Jahre nach seinem Karriereende gibt Lance Armstrong sein Comeback bei der Tour Down Under im Süden Australiens. Zur Auftaktpressekonferenz im Konferenzraum B des Hilton Hotels in Adelaide wartet ein gutes Duzend Kamerateams, dazu kommen dreißig Fotografen und rund 150 Journalisten. Gut doppelt so viele Reporter wie im vergangenen Jahr haben sich für die Tour Down Under akkreditiert – das alles ist der Lance-Armstrong-Effekt.

Als der Mann, der siebenmal die Tour de France gewonnen hat, schließlich seinem Arbeitsgerät folgt, sieht man sofort: Es geht ihm gut. Braun gebrannt, gut gelaunt und relaxed präsentiert er sich den anwesenden Medienvertretern. Warum er so entspannt wirke? „Weil ich Spaß habe“, sagt Armstrong. „Das war 2005 nicht mehr unbedingt so. Der Radsport war mehr ein Job geworden. Jetzt tue ich es, weil ich es liebe.“

Zwei Gründe haben den inzwischen 37-jährigen Texaner veranlasst, sein lockeres Leben – das er flapsig mit „Ich habe drei Jahre damit zugebracht, auf der Couch zu sitzen und Bier zu trinken“ beschreibt – wieder einzutauschen gegen die harten Qualen eines Radprofis. „Es hat mich noch einmal gepackt“, sagt er. „Der Sport hat mir gefehlt.“ Der zweite und – wenn man Armstrong glauben darf – weit wichtigere Grund hat mit den beiden Zahlen zu tun, die in Gelb auf seinem Fahrrad aufgemalt sind. 1274 Tage sind vergangen seit dem 24. Juli 2005, dem Finale der Tour de France, Armstrongs letztem Rennen. Seither sind 27,5 Millionen Menschen an Krebs gestorben. „Das ist eine erschütternde Zahl. Als wären alle Einwohner Australiens einfach weg.“

„Livestrong“ ist der Name der Krebsstiftung, die Armstrong 1997, ein Jahr nach seiner Erkrankung an Hodenkrebs, gründete. 300 Millionen Euro hat er seither gesammelt, und es sollen noch mehr werden. „Ich will diese Botschaft um die gesamte Welt tragen“, betont Armstrong mehrfach in knapp 90 Minuten. „Auf diese Weise erreiche ich wesentlich mehr Menschen, als wenn ich nur durch die Welt ziehe und nur Reden halte.“

Doch dass es durchaus auch sportliche Ambitionen sind, die Armstrong zum Comeback bewegt haben, wird schnell klar. Astana-Teamchef Johan Bruyneel ist überzeugt, dass Armstrong immer noch siegen kann. „Ich glaube, dass er fitter ist als in den letzten Jahren seiner Karriere. Ich habe keine Zweifel, dass er wieder sein altes Level erreichen kann.“

Dennoch bemühen sich der Amerikaner und sein Teamchef, die Erwartungen zu dämpfen. „Um zu wissen, was möglich ist, müssen wir die ersten Rennen abwarten“, sagt Bruyneel. Und Armstrong fügt hinzu: „Erst einmal will ich durchkommen und den Rennrhythmus wiederfinden. Für mich ist es schon ein Erfolg, dass ich hier bin.“ Aber dann blitzt er doch auf, der Kämpfer Lance Armstrong, für den es zum Siegen nie eine Alternative gab. „Ich fühle mich nicht anders als mit 30. Und ich verspreche Ihnen: Wenn ich im Rennen eine Möglichkeit sehe, werde ich angreifen. Aber ich weiß nicht, ob das passieren wird.“ Ein Comeback im Zeichen des Kampfes gegen den Krebs ist ein schlauer Schachzug von Armstrong. Es nimmt die Schärfe aus den Erwartungen, die nun auf ihm lasten. Wenn es sportlich nicht klappt, kann er sich so immer auf seine Mission berufen. Die Frage, ob er denn nun vier Jahre nach seinem letzten Tour-de-France-Sieg noch einmal im Gelben Trikot auf die Champs-Elysées in Paris fahren kann, beantwortete Armstrong dreimal mit: „Ich weiß es nicht.“

Armstrongs Comeback polarisiert. Für die Tour Down Under ist er einerseits ein Glücksfall. Der Amerikaner lockt Medien und Publikum an – so wird es auch bei allen anderen Rennen sein, bei denen der Texaner in diesem Jahr antritt. Neben der Tour de France wird er auch den Giro d’Italia fahren. Für den verzweifelten Kampf des Radsports gegen den ständigen Dopingverdacht aber ist Armstrongs Comeback eher ein Rückschritt. Viele seiner früheren Kontrahenten wurden inzwischen überführt, Armstrong hat sie regelmäßig alle besiegt. Ihm hat man nie gerichtsfest etwas nachweisen können, doch der Verdacht ist gegenwärtig. Zwölfmal sei er bereits getestet worden seit der Ankündigung des Comebacks im August, zweimal in Adelaide. Um dem ständigen Verdacht entgegenzuwirken, hat Armstrong nun mit dem Anti-Doping-Experten Don Catlin ein Selbsttestprogramm entwickelt, bei dem seine Blutwerte ständig im Internet abrufbar sein sollen. „Es ist das härteste Anti-Doping-Programm, das es gibt“, sagt Armstrong, schweigt aber über Details.

Ob gedopt oder nicht, das Comeback sorgt wieder für Schwung im krisengeschüttelten Radsport. „Ehrlich: Von allen meiner Pressekonferenzen war diese hier mein absoluter Favorit“, sagt Armstrong. Zumindest eine gute Show wird es fortan wieder geben, wo auch immer Lance Armstrong auftaucht.

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