Radsport : Es war einmal in Amerika

Wie ein Deutscher vor 100 Jahren in New York die Tradition der Sechstagerennen in Europa begründete.

Helge Buttkereit

Berlin - Am letzten Tag ist ihm die Müdigkeit anzusehen. Sechs Tage auf dem Rad gehen auch an Walter Rütt nicht spurlos vorbei. Kurz vor Ende des Sechstagerennens im New Yorker Madison Square Garden blickt der 24-Jährige in das Objektiv eines Fotografen. Die Augen kann er kaum offen halten an diesem 14. Dezember 1907. Nach insgesamt 142 Stunden am Stück muss er aber noch einmal für zehn Runden aufs Rad. Die Entscheidung naht. Der Gegner: Ein Amerikaner mit Namen Joe Fogler. Die letzten Tage haben er und Partner Jim Moran sich erbitterte Duelle mit Rütt und dessen Partner John Stol (Niederlande) geliefert. Trotz der Länge der absolvierten Strecke von gut 3700 Kilometern und trotz aller Anstrengungen sind beide Teams rundengleich.

Nun kommt Rütts Geschick als Sprinter zur Geltung. Als Sprinter, damals noch „Flieger“ genannt, hatte der gebürtige Rheinländer seine Profikarriere im Alter von 16 Jahren begonnen, als Sprinter war er um die Welt getingelt, weil in Deutschland die Steherrennen mit Motorrädern als Schrittmacher den Fliegersport verdrängt hatten. Nun ist er in New York, tritt rechtzeitig an und lässt seinem Gegner keine Chance. Der erste deutsche Sieg bei einem Sechstagerennen ist perfekt.

In Deutschland schwärmen die Radsportzeitungen von der Leistung Rütts. Schließlich stecken die sechs Tage von New York vor 100 Jahren voller Geschichten. Neben tragischen wie dem Tod des Vorjahresvierten Billy MacDonald gibt es vor allem heroische von Walter Rütt zu erzählen. Am zweiten Tag beispielsweise springt er seinem Partner direkt aus dem Schlaf zur Seite, schwingt sich aufs Rad und verhindert einen Rundenverlust. In der vierten Nacht sitzt Rütt gerade in der Wanne (mit zugemischten zehn Kilo Essig und zehn Kilo Salz) und hört Lärm. Dem Teamkollegen droht wieder der Verlust einer Runde. „Ohne mich zu besinnen, sprang ich aus dem Wasser und stürzte, wie ich war, auf die Bahn“, berichtet Rütt später. „Es gelang mir, wieder Anschluss zu bekommen, und unser Vorsprung war gerettet.“

Kam er dabei ohne Doping aus? Rütt bestritt, jemals etwas genommen zu haben. Zumindest wissentlich. „Kaffee, Tee und Pale Ale, welch Letzteres ja etwas arsenikhaltig ist, waren für mich die einzigen Reizmittel, die ich bewusst nahm. Ich kann allerdings nicht beschwören, ob meine Manager nicht etwas in die Speisen getan haben, was mich widerstandsfähiger macht.“

Nach dem Sieg Rütts brach in Deutschland eine regelrechte Sechstage-Hysterie aus. Jeder Veranstalter wollte der erste sein, der ein solches Rennen auf deutschem Boden austrägt. Keine zwei Jahre später war es so weit. Das erste europäische Sechstagerennen wurde im August 1909 in der Ausstellungshalle am Berliner Zoo gestartet. Walter Rütt war nicht dabei. Er hatte sich vor dem Militärdienst gedrückt und durfte nicht nach Deutschland. Wenige Monate später war Rütt wieder da und gewann postwendend das zweite Sechstagerennen am Zoo. Seinen größten Erfolg feierte er 1913 in Leipzig, als er Weltmeister der Sprinter wurde. Insgesamt 25 Jahre war er Radprofi, danach Veranstalter.

Rütt baute auf der Neuköllner Hasenheide eine Rennbahn, die ein Reinfall wurde und 1931 abbrannte. Danach arbeitete er als Journalist und wurde Mitglied der NSDAP, war aber laut Zeitzeugen kein überzeugter Nazi. Genauere Forschungen stehen jedoch noch aus. Allerdings: 1937 wurde er „Reichssportlehrer“ und später schrieb er gar Propagandaartikel. Als er 1962 verarmt starb, hatten ihn die meisten vergessen. Heute erinnern ein Ehrengrab auf dem Friedhof Steglitz und die Walter-Rütt-Sporthalle in seinem Geburtsort Würselen bei Aachen an den Mann, der die Sechstagerennen nach Europa brachte.

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