Radsport in Ruanda : Radfahren als zweite Chance

Das neue Buch vom britischen Journalisten Tim Lewis erzählt die Geschichte des olympischen Radteams des wegen Genozids berüchtigten Landes Ruanda. Die Spannung ist greifbar.

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Am Mountainbike hat Adrien Niyonshuti 2012 für Rwanda an Olympia teilgenommen.
Am Mountainbike hat Adrien Niyonshuti 2012 für Rwanda an Olympia teilgenommen.Foto: dpa/picturealliance

Für Adrien Niyonshuti geht 2012 mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen in London ein Traum in Erfüllung. Ein Traum, der für ihn zunächst kaum fassbar ist. Adrien Niyonshuti kommt aus Ruanda, jenem kleinen Binnenland im Herzen Afrikas, das berühmt für seine Berggorillas ist und berüchtigt wegen des Genozids vor nunmehr bald 20 Jahren. Binnen 100 Tagen sank 1994 die Bevölkerung Ruandas um rund zehn Prozent. Angehörige der Hutu-Mehrheit töteten fast eine Million Tutsi, ihre Unterstützer und Leute, die sie dafür hielten. Als die Massaker passierten, schaute die Welt weg.

Adrien Niyonshuti war sieben Jahre alt, als das Morden begann. Wie viele seiner Landsleute verlor er in jener Zeit zahlreiche Verwandte und Freunde. Was er nicht verlor, war sein Wille. Und eines Tages entdeckte er die Liebe zum Radsport. Das Fahrrad war in Ruanda schon immer eines der wichtigsten Verkehrsmittel. Und im Land der tausend Hügel bedeutet Radfahren auch immer, an seine körperliche Grenzen zu gehen. Trotzdem wäre aus Adrien Niyonshuti vermutlich nie ein Radprofi geworden. Dass es so etwas wie Olympische Spiele gibt, wusste er lange Zeit gar nicht.

Der britische Journalist Tim Lewis schildert in seinem Buch „Das Land der zweiten Chance – Die erstaunliche Geschichte des ruandischen Radteams“ den schwierigen Weg von Adrien Niyonshuti zu Olympia nach London. Lewis berichtet davon, wie die US-Amerikaner Tom Ritchey und Jock Boyer ihr Know-how einbringen, um ein Radsportteam in Ruanda aufzubauen. Es ist ein Projekt mit vielen Rückschlägen. Und eines, an das sich nur vermeintlich gescheiterte Existenzen heranwagen würden. Ritchey, der einst das Mountainbike erfunden hat, geht nach Ruanda, weil ihn seine Frau verlassen hat. Er hat das Geld und die Vision. Boyer, ehemaliger Profi und erster US-Amerikaner bei der Tour de France, ist ein verurteilter Kinderschänder und startet in Afrika einen Neuanfang als Trainer. Lewis schildert die Beweggründe für das Engagement von Ritchey und Boyer in seinem Buch ausführlich. Mitunter verliert er dabei seine eigentlichen ruandischen Protagonisten ein wenig aus dem Auge. Ohnehin schweift der Autor gern ab, seine Geschichte ist nicht chronologisch aufgebaut, was zuweilen das Lesevergnügen ein wenig trübt.

„Der Land der zweiten Chance“ ist eine Langzeitstudie. Lewis selbst fungiert als indirekt Beteiligter vor Ort. Er beobachtet, stellt Fragen und bringt dem Leser das Land Ruanda näher. Ein Land, das ihm nicht gleichgültig ist. Manchmal fehlt es etwas an Distanz zum Thema und zu den Hauptfiguren. So werden Ritchey, Boyer und Ruandas umstrittener Präsident Kagame zu den eigentlichen Helden des Projektes, während ausgerechnet die Fahrer eher blass bleiben. Das gilt auch für Adrien Niyonshuti, denn Lewis schafft es nicht so recht, sich dem Sportler wirklich zu nähern und dessen Gedanken und Gefühle greifbar zu machen.

Dennoch ist das Buch kaum langatmig, weil die Grundzutaten stimmen. Der Leser schwankt zwischen Anteilnahme, Betroffenheit und schließlich Freude über zumindest ein kleines Happy End. Wenn Adrien Niyonshuti im letzten Kapitel der Geschichte seinen olympischen Traum lebt, wird es packend und die Spannung ist tatsächlich greifbar.

Tim Lewis: Das Land der zweiten Chance – Die erstaunliche

Geschichte des ruandischen Radteams.

Covadonga Verlag, 314 Seiten, 16,80 Euro.

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