Radsport : „Scheinheilig und selbstgerecht“

Die Kritik am Radsport stößt auf Unverständnis

Sebastian Moll

BrestEs war schon ein eigenartiges Bild im vergangenen Jahr, als die Techniker, Kameraleute und Reporter von ARD und ZDF rauchend und frühstückend im Startbereich der elften Etappe in Marseille vor ihren Übertragungswagen herumlungerten, während ihre Kollegen aus dem Rest der Welt emsig umherschwirrten. So richtig verstanden hat den Sendeboykott der Deutschen unter den ausländischen Kollegen niemand: Die Geste der Entrüstung sei nicht nur überzogen gewesen, sondern auch scheinheilig und selbstgerecht.

In diesem Jahr sind die öffentlich- rechtlichen Sender wieder dabei. Der apokalyptische Ton in der deutschen Radsportbetrachtung ist jedoch geblieben. Der Radsport, so der weitgehende Konsens in Deutschland, ist nur noch eine Farce, er ist zutiefst verkommen und nicht zu retten. Radsport und Doping sind für die deutsche Öffentlichkeit quasi dasselbe. Im Ausland ruft diese Sichtweise weiterhin Verwunderung hervor. „Das ist alles immer so extrem in Deutschland“, sagt Philippe LeGars, Radsportreporter bei der französischen Sportzeitung „L’Équipe“. „Die Euphorie über Jan Ullrich und die Heldenverehrung waren viel zu extrem, jetzt schlägt alles ins Gegenteil um.“ In Frankreich sehe man zwar genauso wie in Deutschland die großen Probleme. „Der Unterschied ist aber, dass wir hoffen, dass es besser wird, dass es Erfolg im Kampf gegen das Doping geben kann.“

Ähnlich verständnislos gegenüber der deutschen Haltung ist Marc Ghyselinck von der belgischen Zeitung „Het Laatste Nieuws“: „Die Deutschen führen sich auf wie betrogene Liebhaber, seitdem Ullrich aufgeflogen ist. Sie sind beleidigt und wenden sich ab. Es war doch naiv zu glauben, dass ihr Held edel ist und der Radsport sauber.“ In Belgien mit einer tief verwurzelten Radsportkultur sehe man den größeren Zusammenhang. „Es war noch nie alles tugendhaft und redlich. Und es ist andererseits jetzt auch nicht alles schlecht und verdorben“, sagt Ghyselink. In Spanien, dem Hauptschauplatz des größten Dopingskandals aller Zeiten, tut man so, als sei nichts gewesen. „Man steckt hier kollektiv den Kopf in den Sand“, sagt der US-amerikanische Journalist Andrew Hood, der schon lange in Leon lebt und arbeitet. „Besonders nach dem EM-Sieg will hier niemand die Fiesta-Stimmung mit Doping-Diskussionen verderben.“

In der Szene selbst wünschen sich viele mehr Ausgewogenheit. „Wir hatten 2005 vier unangemeldete Trainingskontrollen“, sagt Hans-Michael Holczer, Chef vom Team Gerolsteiner. „Seit 2006 hatten wir 2005 Kontrollen. Rasmussen, Jaksche, Basso, Winokurow und viele andere, die belastet sind, fahren gar nicht mehr oder nur noch zweitklassig. Wir haben riesige Fortschritte gemacht. Warum wird das nicht gewürdigt?“

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